Schinkentransport unterm Zylinder

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Roland Wirth sieht mit einem Blick, ob „guter“ Ruß oder Glanzruß an seinem Kehrgerät hängt. Glanzruß entsteht, wenn ein Ofen falsch oder mit feuchtem Holz befeuert wird. Glanzruß war am Dienstag Ursache eines Kaminbrandes in der Traminer Straße.

Rödermark - Tradition und Hightech liegen in kaum einem anderen Handwerk so eng zusammen wie bei den Schornsteinfegern. Roland Wirth, der neue Bezirksschornsteinfeger in Urberach und Teilen von Ober-Roden, kennt sich einerseits mit modernsten Heizungssteuerungen aus. Von Michael Löw

Doch ohne den groben schwarzen Anzug mit den zehn goldenen Knöpfen und ohne Zylinder würde er nie zur Arbeit gehen.

Die Kopfbedeckung ist ein Zeichen des Meisters und unterscheidet ihn vom Gesellen, der ein Käppchen trägt, und vom Lehrling mit seiner Fegerhaube. Die hing früher bis auf die Schultern hinunter und hielt wenigstens den gröbsten Ruß ab, wenn „Stift“ als Besen auf zwei Beinen durch den Kamin gescheucht wurde. Die guten, alten Zeiten waren hart und schmutzig.

Und wie die Haube hat auch der Zylinder ganz praktische Vorteile. „Es ist noch gar nicht so lange her, da bezahlten kleine Bauern mit ein paar Eiern oder einem Stück Schinken. Und diesen Lohn haben die Schornsteinfeger unterm Zylinder wie in einem Korb transportiert“, erzählt Roland Wirth. Längst müssen auch Nebenerwerbslandwirte den allgemeinen Gebührensatz berappen.

Stahlkugel durch Kaminrohre rauschen

Natürlich steht Wirth heute noch nahezu jeden Tag auf dem Dach und lässt die Gummi beschichtete Stahlkugel durch Kaminrohre rauschen. Er sitzt aber auch oft am Computer und erstellt Gutachten für die energetische Gebäudesanierung. Schornsteinfeger berechnen dafür nicht nur die Leistung von Heizungsbrennern oder den günstigsten Abgasweg, sondern ermitteln auch, welche Thermostate am Heizkörper den Energieverbrauch optimieren, oder wieviel Zentimeter Dämmung auf die Außenwand geklebt werden müssen. Hausbesitzer, die ein solches Gutachten vorlegen, bekommen von der Kreditanstalt für Wiederaufbau 7,5 Prozent der Sanierungskosten als Zuschuss in bar oder müssen für die Investitionssumme nur ein Prozent Darlehenszins zahlen.

„Wir Schornsteinfeger werden oft als Erbsenzähler verschrieen“, weiß Roland Wirth um ein Vorurteil, mit dem sich seine Kollegen ständig herumschlagen müssen. Kein Hausbesitzer hört gerne, dass der 199-Euro-Bullerofen aus dem Baumarkt, der eh nur einmal die Woche befeuert wird, vom Schornsteinfeger abgenommen werden muss. Ein Kamin ist weit mehr als ein Rohr, das Rauch nach außen transportiert. Wirth nennt ihn „Motor der Heizung“, und da muss ein Teil aufs andere abgestimmt sein; auch der Baumarkt-Ofen, darf da keine Ausnahme bilden.

Billige Brandschutz-Versicherung

Zwei Dinge hält Wirth den Skeptikern seines Berufsstandes entgegen: „Versuchen Sie mal, Ihr Haus in einen anderen EU-Land so billig wie hier gegen Brände zu versichern!“ Die peniblen Bestimmungen des deutschen Kehrwesens, so Wirth, garantieren, dass in Deutschland so wenig Menschen wie in kaum einem anderen Land an einer Kohlenmonoxidvergiftung sterben. Dieses tödliche Gas, das man weder riechen noch sehen kann, tritt aus schlecht gewarteten Heizungen oder Öfen aus.

Als Glücksbringer ist der Schornsteinfeger bei der ganzen Bevölkerung beliebt - egal, ob die Leute mit Öl, Gas oder Holz heizen. Wer an Silvester an einem von Roland Wirths Knöpfen mit dem Bild des Sankt Florian dreht, muss im neuen Jahr nichts Böses fürchten. Auch das hat seine Ursachen in der Berufshistorie. Im Mittelalter waren die Schornsteine kleine Vulkane, die kokelnden Glanzruß spuckten und ganze Straßenzüge der Stroh gedeckten Häuser in Brand setzten. Brave Bürger, die ihren Schlot regelmäßig kehren ließen, wurden weit seltener zum Brandstifter als Schlendriane.

Das sprach sich auch bei den Behörden rum. Bis etwa ins Jahr 1800 mussten Wirths Vorgänger ihre Adresse bei der Polizei hinterlegen. Und wenn der angeblich gefegte Schornstein doch eine Feuersbrunst auslöste, kam der Büttel.

Quelle: op-online.de

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