Seewaldgebiet: Ortsgeschichte im Blickpunkt

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Junge Tänzerinnen aus den Reihen des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins zogen die Blicke auf sich.

Urberach - Die Rödermärker Stadtteile haben viele Gesichter und Charakterzüge. Der Heimat- und Geschichtsverein engagiert sich dafür, dass sie nicht vergessen werden. Das geschieht mit Ausstellungen oder auch Vorträgen. So wie zuletzt im „SchillerHaus“.

Rödermärker Geschichte und Geschichten, dargeboten von Elfriede Lotz-Frank, Vorstandsmitglied des Heimat- und Geschichtsvereins, und umrahmt von bunten Zutaten aus der Umgebung des Urberacher „SchillerHauses“ standen dort am Samstag Nachmittag im Mittelpunkt. Unerwartet viele Gäste drängten sich da, sodass der Platz für die Saz-Musiker und für die jungen Tänzerinnen der iranischen Gruppe „Alle für Alle“ sowie des Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereins immer kleiner wurde. Bei Kaffee und Kuchen genossen die Zuhörer neben den historischen Erzählungen aus der Sicht einer eingefleischten Urberacherin auch Auszüge aus dem Buch „Frauenwelten.“ Darin erzählen Rödermärkerinnen verschiedener Nationalitäten aus ihrem Leben.

Dieser Rahmen, organisiert von Makbule Firat als Leiterin des SchillerHauses und Ulrike Vierheller als Rödermärker Integrationsbeauftragter, passte sehr gut um die Historie und die teils sehr persönlichen Erinnerungen von Elfriede Lotz-Frank. Ihre geschichtlichen Rückblicke auf die Anfänge der verschiedenen Ortsteile, die Besonderheiten der Ober-Röder und der Urberacher etwa verglichen mit ihren Kirchtürmen (die einen stolz und mächtig und immer etwas repräsentativ, die anderen eher trutzig, massiv und zweckmäßig), ließen es nicht an verstecktem oder auch offenem Witz und herzlichem Humor fehlen. Wie Messenhausen schon 1359 erstmals erwähnt wurde, aber nur 64 stimmberechtigte Bürger zur Zeit der Eingemeindung nach Ober-Roden hatte, fand ebenso großes Interesse wie die Besiedelung von Hoabach, heute besser als Waldacker bekannt, in den 40er Jahren.

Ein flammendes Plädoyer

Die Betrachtungen der Ortsteile endeten in einem flammenden Plädoyer für das Gebiet, das ihr selbst am meisten am Herzen liegt: das heutige Seewaldgebiet, früher ganz selbstverständlich unter dem Namen „Korea“ bekannt. Das Wohngebiet, das die meisten zugewanderten Ausländer beherbergt und aus dessen teilweise langen Wohnblockzeilen, vor allem in der Schillerstraße, das Leben durch die vielen Bewohner und zahlreichen Kinder auch heute noch sprudelnder ist als in anderen Ortsteilen, war schon Studienhintergrund. Zum Beispiel für die Evangelische Fachhochschule Darmstadt. Intensiv wurde diese gemischte Wohngegend auf ihre Zukunft untersucht und die unterschiedlichen Modelle des Zusammenlebens deutscher und ursprünglich ausländischer Mitbürger untersucht. „Das Korea“ hatte irgendwann einen schlechten Ruf abbekommen, als in den 70er und 80er Jahren mancherlei Balgereien auf diese Ecke Urberachs geschoben wurden.

Lebendig und mit sehr viel Humor erzählte Elfriede Lotz-Frank Anekdoten, selbst Erlebtes und viel historisch Belegtes aus der Geschichte von Rödermark und seinen Ortsteilen

Die Zeiten sind vorbei. „Korea“ hat heute noch einen faden Beigeschmack, obwohl kaum jemand sich der Wurzeln dieses Namens erinnert: Etwa 1948 begann auf der rechten Seite des Messenhäuser Berges die Bebauung zugunsten kinderreicher Kriegsgeschädigter oder Witwen. Beim Bezug der Häuser begann die viel diskutierte Koreakrise. „Da viele Kinder von diesen wenigen Häusern aus den weiten Weg zur Schule gehen mussten und deshalb manchmal zu spät kamen, erklärten sie: ‚Wir wohnen ja fast so weit weg wie Korea!’ – so wurde der Name für diesen Ortsteil sprich-wörtlich“, erinnerte Elfriede Lotz-Frank die Zuhörer. „Erst mit der Stadtzusammenführung 1977 wurde die Goethestraße in ‚Am Seewald’ umbenannt. Da war der gängige Name Korea aber schon 29 Jahre in Gebrauch.“ Tatsächlich befand sich zeitweise auch ein Schild „Korea“ an der Einmündung der Liebigstraße auf die Messenhäuser Straße.

Bürgermeister Roland Kern, dem dieser Hintergrund so nicht bekannt gewesen war, bekam großen Beifall für seine Anregung: „Wollen wir nicht ein Schild an der früheren Stelle aufstellen, auf dem ‚Korea’ gleichberechtigt mit dem Gebietsnamen ‚Am Seewald’ steht?“ Die spontane Antwort der Rednerin ließ nicht auf sich warten: „Aber Korea steht oben! Das ist der ältere Name!“ Auf die Frage, ob sie das alles aus dem eigenen Wissen und der eigenen Erinnerung aufgeschrieben habe, da sie damals doch großteils noch ein kleines Kind war, kam die spontane Antwort: „Aber ich war ein sehr aufgewecktes Kind!“ – wie jeder bestätigen wird, der einmal in den Genuss ihres Vortrags kommt.

chz

Quelle: op-online.de

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