„Sehbehinderte in Lebensgefahr“

Ober-Roden - (lö) Eine Hauptstraße ohne jede Bordsteinkante ist nach Ansicht des hessischen Blindenbundes (BSBH) lebensgefährlich.

Geschäftsführer Klaus Meyer lässt am „Shared Space“-Konzept, nach dem das Planungsbüro Begher ein Stück Ortsdurchfahrt umbauen will, kaum ein gutes Haar: In einem Gebiet, das sich - theoretisch - Autofahrer, Radler und Fußgänger gleichberechtigt teilen, könnten sich Blinde und Sehbehinderte nicht orientieren und kämen „zwangsläufig dem motorisierten Verkehr in die Quere“.

Bei der Neugestaltung von Ober-Rodens Mitte wollen die Planer auf jegliche Schwellen verzichten und Fahrbahn und Bürgersteig durch eine gepflasterte Regenrinne trennen. Vorbild ist die Gemeinde Bohmte in Niedersachsen. CDU, AL und FDP hatten dem am 15. September im Stadtparlament zugestimmt, damit sich Rollstuhlfahrer und Rollator-Benutzer, aber auch Radfahrer ungehindert bewegen können. Bedenken meldete die SPD an, ihr Fraktionsvorsitzender Armin Lauer schlug einen drei Zentimeter hohen Randstein vor.

Genau den fordert auch BSBH-Geschäftsführer Meyer. Blinde und Sehbehinderte brauchten eine für sie fühlbare und für andere Verkehrsteilnehmer deutlich sichtbare Grenze zwischen Bürgersteig, Radweg und Fahrbahn. Das gleichberechtigte Miteinander aller Verkehrsteilnehmer setzte voraus, dass Fußgänger voll beweglich und im Vollbesitz ihrer Wahrnehmungsfähigkeit sind und über Körpersprache kommunizieren können. Das sei bei Blinden oft nicht der Fall.

In vier Monaten genauso viele Unfälle wie sonst im ganzen Jahr

Auch an die neue Rücksicht im Straßenverkehr, auf die Bürgermeister Roland Kern bei der Vorstellung der Pläne hoffte, mag Meyer nicht glauben. Versicherungsunternehmen hätten in der „Shared Space“-Gemeinde Bohmte das Gegenteil festgestellt: „Die ersten Ergebnisse zeigten, dass in den ersten vier Monaten nach dem Umbau genauso viele Unfälle geschehen seien wie sonst im ganzen Jahr.“

Der Drei-Zentimeter-Randstein würde nach Ansicht Mayers dem Interesse von Sehbehinderten ebenso gerecht wie dem von Gehbehinderten. Eine solche Grenze empfehle auch der Leitfaden „Ungehinderte Mobilität“ des Hessischen Amtes für Straßen- und Verkehrswesen.

Der Magistrat sieht bislang keine zwingende Notwendigkeit, den Beschluss zum Umbau der Straße zu modifizieren, erklärte Bürgermeister Roland Kern: „Wir sind weiterhin der Auffassung, dass die Belange von Seh- und Gehbehinderten und anderer Verkehrsteilnehmer angemessen gegeneinander abgewogen worden sind. Hierbei ist insbesondere von Bedeutung, dass die Abflussrinne zwischen Fahrbahn und Bürgersteig mit einem anderen Pflaster hergestellt wird und eine auch für Blinde mit Stock wahrnehmbare Absenkung aufweist.“

Dennoch wolle der Magistrat eine weitere Stellungnahme von einem Fachbüro und gegebenenfalls auch eine juristische Expertise einholen.

Quelle: op-online.de

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