Soziales Jahr in Tschechien

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Zuzana Wachtlová, eine 90 Jahre alte Jüdin im tschechischen Brno, ist eine der vier „panis“, die Susanne Jacobi in ihrem Freiwilligen sozialen Auslandsjahr betreut.

Brno / Messenhausen ‐ Freiwilliger sozialer Dienst in Tschechien – was die 20-jährige Messenhäuserin Susanne Jacobi nach fast einem Dreivierteljahr in der Stadt Brno berichtet, klingt nach vielen tiefgreifenden Erlebnissen und lebenslangen Eindrücken. Über den Europäischen Freiwilligendienst (EFD) hatte die Abiturientin im Herbst einen zweigeteilten Arbeitsplatz gefunden. Von Christine Ziesecke

Die Hälfte ihrer Zeit verbringt die politisch und sozialwissenschaftlich engagierte junge Frau in der „Effeta“, einer Werkstätte der Caritas mit unterschiedlich stark behinderten Menschen. „In meiner Gruppe sind sechs Klienten, davon haben fünf Autismus und weitere mehrfache Behinderungen. Es ist immer was los, und wirklich zur Ruhe kommt man nie. Da fliegt auch schon mal ein Teller oder ein Joghurtbecher durch die Gegend...“, schildert sie ihren Alltag. An das Chaos hat sie sich gewöhnt und ohne den ganzen Lärm würde ihr etwas fehlen: „Die Arbeit mit den Menschen macht mir viel Spaß und es hat meinen Entschluss gefestigt, Sonderpädagogik zu studieren.“

Den anderen Teil ihrer Arbeitswoche verbringt Susanne Jacobi damit, ältere Frauen aus der jüdischen Gemeinde zu besuchen, um sie in alltäglichen Dingen wie Einkaufen oder Abwaschen zu unterstützen oder einfach nur da zu sein, sich mit ihnen zu unterhalten. Sie besucht vier „panis“ (tschechisch für Damen). Drei von ihnen sprechen gut Deutsch und eine fast nur tschechisch, doch für diese Frauen zählt, dass ihnen jemand zuhört. „Besonders Zuzana Wachtlová, 90 Jahre alt, erstaunt mich immer wieder: Sie sieht in jedem Menschen das Gute.“

Im Alter 20 Jahren kam Zuzana Wachtlová ins Ghetto nach Theresienstadt, ehe die Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Ihre Mutter starb im KZ. Sie und ihre Schwester wurden in ein kleines deutsches Arbeitslager in der Nähe der tschechischen Grenze gebracht, das von alliierten Truppen befreit wurde.

Zurück in Brno stand sie vor dem Nichts. „Dennoch spricht sie nie von den schlechten Erfahrungen im Konzentrationslager, sondern immer von Wärtern, die ihnen geholfen haben, Freundschaften, die sie in dieser Zeit geschlossen hat oder ihrem Ehemann, den sie im Konzentrationslager kennen lernte“, wundert sich Susanne Jacobi.

Sie selbst lebt in Brno in einer kleinen, aber feinen Wohnung in einer Plattenbausiedlung, zusammen mit zwei anderen Frauen. Die Verständigung mit den Einheimischen fällt manchmal schwer: „Die tschechische Sprache ist sehr kompliziert, denn sie kommt auch mal ganz ohne Vokale aus.“

„Eigentlich besteht mein Freiwilligendienst bis jetzt aus ganz vielen kleinen Highlights, von denen Chanukka, das jüdische Lichterfest, bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen hat.“ Eine Woche Besuch in Moskau; eine Reise in die Niederlande, wo andere Freiwillige des EFD besucht wurden, sind vorbei; Rumänien, Ungarn, die Slowakei, vielleicht noch Bulgarien und Polen stehen noch auf der Wunschliste von Susanne Jacobi, die dazwischen auch in Dresden gegen den alljährlichen Nazi-Aufmarsch demonstriert hat. So ist es ihr auch wichtig, für die Freiwilligendienste und die Spendenaufrufe in Form von Länderpartnerschaften der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ASF zu werben, und sie verabschiedet sich bis zum Sommer mit „Mejte se hezky!“ (Machen Sie es gut!) von den Rödermärkern.

Quelle: op-online.de

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