Klettertour mit Rollstuhl

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Gefahrenquellen wie etwa diese viel zu steile Rampe (die nach Aussagen des Architekten auch nur für Kinderwagen gedacht ist und nicht flacher erstellt werden konnte) fanden die Gruppenmitglieder, die mit Rollstuhl, Rollator und Gehhilfen ausgerüstet die Stadt auf ihre Behindertenfreundlichkeit untersuchten.

Rödermark - Alle Jahre sieht man sie durch Rödermark ziehen und wundert sich als Passant wohl doch über die fröhliche Truppe, die da der unverbrüchlichen Wahrheit „Wir werden immer älter“ nachforscht. Von Christine Ziesecke

Achtklässler der Nell-Breuning-Schule probieren in ihrem einwöchigen Sozialpraktikum aus, wie es ist, wenn man auf Mobilitätshilfen wie etwa einen Rollstuhl angewiesen ist. Ganz schnell wird bei diesem Selbstversuch klar, wo es im Wohnort an Barrierefreiheit mangelt.

Neben der Theorie, in der VdK-Vorsitzender Bernd Koop die gesetzlichen Grundlagen des Behindertengesetzes etwa vorstellte, stand vor allem die Praxis mit Selbstversuchen im Vordergrund. Zwei Tage fuhren und liefen rund 15 Schüler gemeinsam mit Wolfgang Geiken-Weigt, dem Leiter der Sozialen Dienste Rödermarks, sowie mit Isabel Martiner und Karlheinz Neuser in zwei Gruppen mit Rollstühlen, Rollatoren und Gehhilfen durch Ober-Roden und Urberach.

Selbstversuch mit Rollator

Die Jugendlichen fuhren mit der Dreieichbahn, klapperten Banken und Bäcker ab und stolperten über so manche fahrlässige Falle. Dass eine steilwandverdächtige Rampe zu einer Urberacher Pizzeria mit dem Rollstuhl und sogar zwei Helfern ganz einfach gar nicht zu bewältigen ist, wurde rasch klar. Ein weiteres Problem: So manche vordergründig behindertengerechte Toilette macht eine Benutzung durch räumliche Enge fast unmöglich.

Eine zu steile Rampe an der evangelischen Kirche Ober-Roden etwa, kleine, aber hinderliche Schwellen an der Bäckertür oder gar eine schlichtweg unmögliche Bürgersteignutzung in der Urberacher Bahnhofstraße wurden bislang zwar auch gesehen, aber erst im Selbstversuch von den Schülern richtig wahrgenommen.

„Ich habe nicht gedacht, dass es so schwer ist, sich mit einem Rollstuhl fortzubewegen“, war dann auch die einhellige Meinung aller Gruppenmitglieder. Ihre Erfahrungen hielten sie auf Video fest und präsentierten diese dann im Jugendzentrum.

Da er diese Praktika schon zum wiederholten Mal begleitet und meist dieselben Wege läuft, kann Wolfgang Geiken-Weigt sehr gut beurteilen, dass sich trotz der Erkenntnisse wenig geändert hat an den gegebenen Missständen. „Wir wollten das schon mal ändern“, war die häufigste Antwort. Hier haben Seniorenbeirat und Behindertenbeauftragter der Stadt noch lohnende Arbeitsansätze

Schüler zeigen Ergebnisse

In der Präsentation im Jugendzentrum (JuZ) zeigten auch die Schüler ihre Ergebnisse, die unter der Leitung von JuZ-Chef Jens Müller etwa in der wieder aufzubauenden Kinderwaldstadt und an den nahen „Indianerbergen“ in Waldacker gewirkt und unter anderem den dortigen Bolzplatz auf Vordermann gebracht hatten – sogar mit einer kleinen Tribüne. Auch die Kinder- und Jugendfarm wurde unter der Leitung von Carolin Grabs aus dem Winterschlaf geweckt – etwa mit der Bearbeitung neuer Stangen für das große Tipi.

Im gemeinsamen Arbeiten sich selbst und andere voranbringen ist das eine Element des Sozialpraktikums. Auch geht es dabei aber darum, sich selbst erst einmal richtig in die Reihe zu bringen. So erfuhr die Gruppe „Soziale Jungs“, die in Kooperation mit dem Jugendbildungswerk betreut wurde, vieles über Teamübungen und machte ihre Erfahrung im stockdunklen Dialogmuseum.

Um soziale Kompetenzen ging es auch in den Gruppen, die etwa ergründeten, wie sie ihre Stärken ausbauen und ihre Schwächen abbauen können, um „ Fit for Life“ zu werden, oder wie sie sich sinnvoll und stilgerecht auf ihre Berufswahl vorbereiten können.

Eine Woche, in der die Schüler garantiert mehr für ihr Leben gelernt haben als in so mancher Unterrichtswoche und die von ihnen auch aufmerksam und interessiert genutzt wurde.

Quelle: op-online.de

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