Späte Ehre für Opfer des NS-Terrors

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Das Straßenschild der Klaus(e)nerstraße.

Urberach - Rödermark ehrt noch in diesem Frühjahr Erich Klausener, der seinen Widerstand gegen das Nazi-Regime 1934 mit dem Leben bezahlte, und korrigiert das falsche Straßenschild in Urberach.

„Wir wollen den Fehler beheben“, teilte Bürgermeister Roland Kern nach der Magistratssitzung am Montagabend mit.

Karl Sturm, der Vorsitzende des Kirchenchors „Cäcilia“ und langjähriger CDU-Stadtverordneter, hatte kurz vor Ostern bemängelt, dass in der Klausnerstraße eigentlich ein kleines „e“ fehlt. Sie mündet in die Geschwister-Scholl-Straße und verläuft parallel zur Dr. Goerdeler-Straße, also müsste auch sie nach einem Widerstandskämpfer gegen Hitler benannt sein. Und dann könne nur Erich Klausener gemeint sein: Er galt Anfang der dreißiger Jahre als einer der wichtigsten Männer des politischen Katholizismus. Beim Märkischen Kirchentag am 24. Juni 1934 kritisierte er das NS-Regime scharf, sechs Tage später ermordete ihn ein SS-Kommando in seinem Büro im Verkehrsministerium.

Sturm recherchierte bei Dr. Rüdiger Böhle im Stadtarchiv und fand zwei Listen aus den Jahren 1958 und 1976, in denen in Urberach noch die Klausenerstraße geführt wurde.

Es fehlt ein kleines e

In einer dritten Liste vom 1. September 1976 stieß Sturm dann auf die Klausnerstraße. Im Zuge der Gebietsreform, die aus Ober-Roden und Urberach Rödermark machte, passierte ein Flüchtigkeitsfehler, der bis heute Bestand hatte, vermutet Sturm.

„Jahrelang bin ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Straße nach dem Opfer des NS-Regimes, Erich Klausener, benannt ist. Jahrzehnte gehe ich mehrmals täglich an dem Straßennamensschild vorbei. Durch eine gewisse „Betriebsblindheit“ ist mir der Schreibfehler nie aufgefallen“, schreibt Stefan Gerl, der seit mehr als 50 Jahren gegenüber, in der Geschwister-Scholl-Straße, wohnt.

Gerl ist nicht nur Nachbar des fehlerhaften Schildes und Fraktionsvorsitzender der AL im Stadtparlament, sondern kennt sich auch beruflich mit der Materie aus.

„Straßennamen erzählen Geschichte und Geschichten. Sie erinnern an mehr oder weniger bedeutende, an bekannte oder im Stillen tätig gewesene Persönlichkeiten, weisen auf ehemalige Flurbezeichnungen hin oder berichten aus der Geschichte unserer Stadt“, erläutert der Vermessungsfachmann.

Straßennamen würden üblicher Weise von historischen Flur- und Gewannbezeichnungen, von lokalen historischen Gegebenheiten, bedeutsamen Ereignissen oder von um das Gemeinwohl verdienten Persönlichkeiten hergeleitet.

Straßennamen machen unverwechselbar

Diese Aspekte werden oft als so entscheidend angesehen, dass die eigentlich vorrangige Ordnungsfunktion der Straßennamen in den Hintergrund tritt. Der Straßenname macht die Straßen der Stadt unverwechselbar, und zusammen mit der Hausnummer lässt sich schließlich das einzelne Haus identifizieren. Das Zurechtfinden wäre ohne Benennung der Straßen undenkbar. Briefträger, Rettungsdienste und viele andere sind auf die Orientierungshilfe dringend angewiesen.

Gerl ist froh, dass Karl Sturm den Stein ins Rollen gebracht hat. Er schlägt vor, in der nur etwa 200 Meter langen Seitenstraße das folgende Zusatzschild anzubringen: „Erich Klausener, 1885 – 1934 (ermordet), Vertreter des politischen Katholizismus, Opfer des NS- Regimes“. Ähnliche Erläuterungen gebe es auch an der Dr. Goerdeler- und der Geschwister-Scholl-Straße.

Auch für den Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Stadtparlament, Michael Gensert, wäre eine Umbenennung der Klausner- in Klausenerstraße nur konsequent: Erich Klausener war das ranghöchste Opfer aus dem kirchlichen Lager, das Adolf Hitler nach dem so genannten „Röhm-Putsch“ am 30. Juni 1934 umbringen ließ. In den fünfziger Jahren, als die Kommunalpolitiker im katholischen Urberach nach Straßennamen suchten, waren die Erinnerungen an die Mordnacht noch in vielen Köpfen präsent. J lö

Quelle: op-online.de

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