Spatzenheim im Kindergarten

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Wird von isolierten Dachstühlen und exotischen Pflanzen bedroht: Der Haussperling, gemeinhin Spatz genannt.

Urberach - Noch vor 30 oder 40 Jahren war der Spatz der böse Bube der heimischen Vogelwelt. Gärtnern pickte er den Salatsamen aus den Beeten, Hühnern fraß er das Futter weg. Als Schädling wurde er mit allen Mitteln bekämpft, nicht von ungefähr heißt ein Luftgewehr in unserer Gegend „Spatze-Flopper“. Von Michael Löw

Heute ist der einstige Allerweltsvogel eine Rarität. Werner Weber vom Naturschutzbund (NABU) schätzt, dass sein Bestand um mehr als 90 Prozent abgenommen hat. Gemeinsam mit Kindergärten und Grundschulen hat der NABU deshalb jetzt ein Hilfsprogramm gestartet, mit dem er den Spatz (korrekt Haussperling oder Passer domesticus) wieder in die Nähe der Häuser locken will.

Gestern hängte NABU-Vorsitzender Dr. Joachim Wink die erste künstliche Nisthöhle an einen Baum im Hof der Tagesstätte Lessingstraße. Die frühere Stadtverordnetenvorsteherin Anke Rüger hat die Patenschaft übernommen. Fünf weitere potenzielle Spatzenpaten haben Wink und Weber gegenüber Interesse bekundet.

Spatzenpatin Anke Rüger und NABU-Vorsitzender Dr. Joachim Wink hängten die Nisthilfen mit den Kindern symbolisch auf, bevor der Zivi auf die Leiter stieg.

Der Haussperling leidet unter Futter- und Bau-Not“, sagte Werner Weber und erklärte die Hauptursachen seines Verschwindens. In gepflegten Gärten mit bunten exotischen Blumen findet er keine Nahrung mehr, Dachstühle sind schon lange so hermetisch abgeschlossen, dass kaum noch ein Sparren Platz für Spatzennester bietet. Auch Sandkuhlen, in denen die Vögel regelrecht baden, werden immer seltener.

Größere Spatzenschwärme beobachtet der NABU Rödermark nur noch in der Nähe von Aussiedlerhöfen oder in naturnahen Gärten wie dem von Patin Anke Rüger.

Vom Sperling-Projekt sollen nicht nur die Vögel, sondern auch Kinder profitieren. „Wir stellen nämlich oft fest, dass Kinder von Natur nur wenig Ahnung haben“, sagte die Leiterin der Kindergartens Lessingstraße, Klaudia Breimhorst. Zieht ein Spatzenpaar in der Höhle seine Jungen groß, haben die Kinder zumindest eine Chance, das Leben des rar gewordenen Allerweltsvogels kennenzulernen. Sie sollen so Verständnis für die Natur erfahren und respektvoll auch mit unscheinbaren Tieren umgehen.

Die Nisthöhle ist nur ein Teil des NABU-Projekts an den Tagesstätten. Die Biologin Verena Henschler will mit den Kindern auch Futterflächen anlegen. Dort sollen

Pflanzen wachsen, deren Samenkörner auf der Speisekarte der Spatzen ganz weit oben stehen. Auch die Winterfütterung ist nicht mehr verpönt - allerdings nicht im Vogelhäuschen aus dem Baumarkt. Denn die sind nach Ansicht der Biologin wahre Brutstätten für Infektionen.

Hat die Hilfsaktion der Kindergärten Erfolg, gilt vielleicht auch in Rödermark wieder das Sprichwort, von den Spatzen, die Neuigkeiten von allen Dächern pfeifen.

Quelle: op-online.de

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