Sperrung in Waldacker

24 Kilometer für ein Weißbrot

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Die einzige Möglichkeit, dem roten Kreis Paroli zu bieten, war das Fahrrad.

Waldacker - Weißer Querbalken auf rotem Kreis – ein Straßenschild, das den Waldackerern in den letzten Wochen oft Bauchweh bereitete: Durchfahrtsverbot. Der Umbau der Hauptstraße und die Umleitung haben ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt.

Unsere Mitarbeiterin Christine Ziesecke, die mitten in der Baustelle wohnt, schildert Um- und Leidenswege.

Wer einmal täglich zur Arbeit und wieder zurückfährt, konnte sich wohl noch einrichten, auch wenn"s jeden Morgen ein neues Ratespiel war: Welche Einbiegung auf die einspurig und einbahnig Richtung Frankfurt zu befahrende Bundesstraße 459 ist heute wohl offen? Verblüffend war es auch für Alteingesessene, wieder einmal die jenseits der Hauptstraße gelegenen Sträßchen und Gassen zu durchfahren und viel Neues zu entdecken, vor allem immer wieder neue Durchfahrtsverbotsschilder...

Schwierig wurde es, sobald man in Zeitdruck kam, etwa nach einem Anruf mit der fröhlichen Ankündigung von Kaffeebesuch am Nachmittag. Kühlschrank und Brotkorb leer? Kein Problem, rasch zum Rewe-Markt in Ober-Roden, der liegt am nahesten. Aber die Kapellenstraße liegt gegen die angesagte Fahrtrichtung. Macht keinen Sinn und ist verboten.

Backwarenladen versteckt in der Goethestraße

Na, dann vielleicht doch Dietzenbach zu Aldi? – nein, ich muss ja wieder zurück. Aber glücklicherweise gibt’s in Waldacker doch immerhin einen kleinen Backwarenladen ganz versteckt in der Goethestraße und immer noch Brot und Brötchen in der Postagentur – außer heute. Denn es ist Mittwochnachmittag und der ist bekanntlich der heiligste Feiertag vieler Geschäftsleute.

Also doch Rewe – und jetzt hab ich die Qual der Wahl. Der illegale Schleichweg entlang der alten Kläranlage Richtung Germania, entfällt kategorisch. Weniger wegen der Kontrollen der Ortssheriffs als vielmehr wegen der ausgesprochen missmutigen Blicke der Hundespaziergänger und Radfahrer. Sie lagen mir zu sehr im Magen.

Ich nehme wie täglich Hunderte von Waldackerern die von Hessen Mobil beschilderte Umleitung. 24 Kilometer von Haustür zu Haustür über Kreisquerverbindung, B 45, Breidert und Rödermarkring. Die unvermeidlichen Staus auf der Kreisquerverbindung eingerechnet, kostet mich netto eine gute halbe Stunde - plus die Wartezeit an der Supermarktkasse.

Vier Kilometer kürzer über Nider-Roden

Oder ich nutze die rund vier Kilometer kürzere Variante über Nieder-Roden – der Stau ist der gleiche, aber ich ärgere auch noch die Bewohner des Rollwalds (worauf ich in den letzten Wochen schon kaum mehr Rücksicht zu nehmen bereit bin). Oder nehme ich doch die kürzeste Strecke von gut 16 Kilometern über Offenthal und Urberach, die ich leider erst in der letzten Woche entdeckt habe, die aber auch für Staus gut ist und womit ich den Offenthalern noch mehr Kummer als sonst bereite?

Es wird auch eng – der Besuch kommt schließlich... Ich ignoriere die drohenden schwarzen Wolken am Himmel, die mir in den letzten Wochen so viele nasse Klamotten beschert haben, geh halt doch in die Garage und hole mein Fahrrad. Damit schlage ich zumindest dem roten Schild mit dem weißen Streifen ein Schnippchen. Mit dem Rad komme ich überall durch – auch wenn mein Brot vielleicht ebenso nass wird wie ich.

Und ich freue mich auf kommenden Samstag. Da soll nämlich – von Hessenmobil mehrfach bestätigt – die zweite Fahrspur wiedereröffnet werden. Und bald wird die ganze Quälerei nur noch eine gern erzählte Anekdote sein.

Ich hätte mich übrigens nicht so zu beeilen brauchen. Mein Besuch kam fast eineinhalb Stunden zu spät – aus Langen. Sie hatten von der Baustelle nichts gewusst, standen ab Dietzenbach im Stau und anschließend höchst verwundert vor dem unnahbaren Ortsteil Waldacker und waren dann etwas länger durchs Rodgau geirrt...

Quelle: op-online.de

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