St. Nazarius-Pfarrer Elmar Jung provoziert mit seiner Weihnachtskrippe

Flüchtlingselend statt Heile-Welt-Idyll

+
Pfarrer Elmar Jung hat zusammen mit Kai Spanheimer, Rainer Hitzel, Jörg Sadler, Klaus Büttner, Theo Koser und Günter Schwerber in der St. Nazarius-Kirche eine provozierende Krippe aufgebaut. Statt heiler Welt bekommen die Besucher Bilder von Flüchtlingselend und Katastrophen zu sehen.

Ober-Roden - Ein Junge mit blutverschmiertem Gesicht, Trümmer, aus denen verbogener Stahl ragt, eine Puppe als Leiche am Strand, der Stall von Bethlehem gepflastert mit Bild-Schlagzeilen: Pfarrer Elmar Jung mutet mit der Weihnachtskrippe den Kirchgängern einiges zu. Von Michael Löw 

Die Reaktionen in der St.  Nazarius-Gemeinde reichen von großer Zustimmung bis zur Forderung, die Krippe abzubauen. Pfarrer Elmar Jung baut seit 1996 die Weihnachtskrippen im „Rodgaudom“ auf. Er stellt nicht einfach Stall und Figuren hin, sondern packt Botschaften hinein. Seine 20. Krippe ist die provozierendste, denn sie bringt den Krieg in Syrien, IS-Terror und Flüchtlingselend in die St. Nazarius-Kirche. Den Stall von Bethlehem hat Jung mit Schlagzeilen aus der Bild-Zeitung tapeziert. Die heilige Familie verliert sich geradezu zwischen den Katastrophen der vergangenen Wochen und einzelnen Oberflächlichkeiten wie der vorgezogenen Bescherung eines Fußballers oder einer Anzeige für festliche Kleidung. „Ich habe mich schon zwei Monate vor Weihnachten mit der Gestaltung der Krippe beschäftigt. Dabei habe ich mich gefragt, wie wir als Christen die ewige Aktualität der Weihnachtsbotschaft mit aktuellen Situation in der Welt in Einklang bringen“, schildert der Pfarrer seine Bewegggründe. Die Nazarius-Krippe ist exakt das Gegenstück zur anheimelnden und liebreizenden oder mitunter kitschigen Umgebung, mit der das Geschehen von Bethlehem üblicherweise dargestellt wird.

Der Weg zur Krippe ist mit Steinbrocken gepflastert. Zusammen mit Günter Schwerber hat Pfarrer Jung einen halben VW-Bus voller Bauschutt beim Urberacher Recycling-Unternehmen Rügemer in die Kirche gefahren. Die Krippe mit dem Kind steht nur auf einer Insel aus Stroh. „Die Geburt Jesu ist der einzige Ort im Chaos dieser Welt, wo wir uns hin retten können“, erläutert Jung.

Statt pausbäckiger Engelchen schaut der fünfjährige Omran aufs Jesus-Kind. Das Bild des kleinen Jungen aus der zerstörten syrischen Stadt Aleppo ging im August um die Welt: Augenscheinlich verletzt, verstört und verängstigt kauert Omran auf dem orangenen Sitz eines Krankenwagens. Auch den Anblick einer Puppe mit Kinderkleidung, die „ertrunken“ am Strand des Mittelmeers liegt, muss der Betrachter erst einmal verdauen. Die Mörder und Autokraten unserer Tage wie den syrischen Machthaber Assad oder Wladimir Putin und Recep Erdogan nennt Pfarrer Jung in einem Atemzug mit dem biblischen König Herodes. Der ließ dem Matthäus-Evangelium zufolge alle Kinder in Bethlehem umbringen, um den neu geborenen König der Juden auszuschalten.

Erneut Luftangriffe: Bilder des Grauens in Aleppo

Die provozierende Krippe lässt die Meinungen aufeinanderprallen. Der größte Teil der St. Nazarius-Gemeinde hat laut Pfarrer Jung positiv reagiert. Doch es habe auch krasse Ablehnung gegeben. „Herr Pfarrer, ich habe eine Bitte: Bauen Sie diese Krippe sofort ab“, berichtet der Geistliche von einer empörten Frau, die ihn am ersten Weihnachtsfeiertag ansprach. Ihr Argument: Eine Kirche soll den Menschen in einer friedvollen Atmosphäre Halt geben und sie nicht verstören. Eine Mutter verlangte: „Das darf man keinen Kindern zeigen!“ Und Erzieherinnen des katholischen Kindergartens überlegen noch, ob sie mit ihren Schützlingen den obligaten Besuch an der Krippe wagen sollen.

Allen Kritikern und Skeptikern entgegnet Pfarrer Elmar Jung, dass die Geburt Jesu nie die Idylle gewesen sei, die Weihnachtskrippen normalerweise vorgaukeln. Die schlimmen Bilder aus Aleppo oder von den Küsten des Mittelmmeeres seien von den Fernsehnachrichten längst in alle Wohnzimmer transportiert und von Kindern gesehen worden. Jung nennt seine Krippe eine „Zu-mut-ung“. Natürlich mute er den Betrachtern einiges zu. Aber die zweite Silbe zeige: „Gott macht uns Mut!“ Die Krippe in St. Nazarius kann noch täglich bis Sonntag, 8. Januar, von 15 bis 18 Uhr besucht werden. Bis zum Feiertag „Maria Lichtmess“ am 2. Februar ist sie nur vor oder nach Gottesdiensten zugänglich.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion