Trotz Wohnungsnot tragfähige Lösung für Vermieter und Mieter finden

Stadt intensiviert Obdachlosenhilfe

Rödermark - Menschen, die Haus oder Wohnung verlieren, werden nur allzu oft als verschrobene Versager abgestempelt. Von Michael Löw

Doch in Zeiten knappen Wohnraums und steigender Mieten trifft Obdachlosigkeit immer häufiger auch Paare und Familien, die trotz Arbeit nur schwer über die Runden kommen. Wer einmal raus aus der bürgerlichen Komfortzone ist, hat’s schwer, wieder reinzukommen. Der städtische Sozialdienst will mit neuem Konzept und Extra-Personal gegensteuern. 42 Rödermärker lebten voriges Jahr zumindest zeitweise in einer der acht städtischen Notunterkünfte. Die findet man in betagten Immobilien wie dem einstigen Hundeclubhaus nördlich des alten Gaswerks oder im früheren Altenwohnheim am Urberacher Mühlengrund, in angemieteten Wohnungen und - wenn gar nichts anders mehr geht - in Hotels. Sozialpädagogin Malvina Schunk will die Leute dort möglichst schnell rausholen. Besser noch: verhindern, dass sie ihre Wohnungen überhaupt verlieren. 110 Beratungen zu Wohnungssicherung und -suche zählte Katja Merten, Fachabteilungsleiterin Senioren und Soziale Dienste im Rathaus Ober-Roden, im Jahr 2016. Überwiegend - aber nicht nur - Menschen, die von staatlichen Transferleistungen wie Hartz IV oder Grundsicherung leben, sind das Klientel von Katja Merten, Isabel Martiner und Malvina Schunk. Die sagt: „Solche Leute sind für Vermieter nicht attraktiv.“ Die 29-jährige Sozialpädagogin will diese Stigmatisierung beenden und eine langfristig für beide Seiten tragfähige Lösung finden. Das fängt beim Geld an: „Für Vermieter ist das eine sichere Geschichte. Denn sie können mit uns oder dem Kreis vereinbaren, dass die Miete direkt auf ihr Konto überwiesen wird.“ Vorausgesetzt, die Wohnung ist von Größe und Miete angemessen, denn für Wolkenkuckucksheime gibt’s kein öffentliches Geld.

Malvina Schunk (rechts) kümmert sich bei den Sozialen Diensten federführend um die Betreuung von Obdachlosen. Fachabteilungsleiterin Katja Merten (links) und Isabel Martiner sind in die Arbeit eingebunden.

Mindestens genau so wichtig ist es Malvina Schunk, Wohnungslose aus der Versager-Ecke zu holen. Die verlieren ihre Bleibe oft durch eine Aneinanderreihung „lebenskritischer Ereignisse“ wie das im Behördendeutsch heißt: Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Trennung oder Tod des Partners, gesundheitliche Probleme. Fehlt das Geld, sammeln sich schnell ein paar tausend Euro Mietschulden an. „In 20 Prozent der Fälle kommen die Leute fünf vor zwölf zu uns. In 80 Prozent ist es aber schon fünf nach zwölf“, weiß Malvina Schunk um die Schwierigkeit ihrer Arbeit. Wer einmal eine Mahnung vom Vermieter bekommen hat, steckt nach ihrer Erfahrung oft den Kopf in den Sand und öffnet seine Post nicht mehr. Bleiben die zweite und dritte Mahnung oder gar Inkassoforderungen unbeantwortet, steckt ziemlich bald die Räumungsklage im Briefkasten. Für Malvina Schunk ist’s ein Erfolg, wenn sie trotz einer solchen Klage Wege findet, die Wohnung doch zu halten. Das können mit dem Vermieter ausgehandelte Stundungen und Ratenzahlungen sein, aber auch Vorschüsse von Pro Arbeit und anderen Behörden.

Immer mehr Wohnungslose in Deutschland

War alle Mühe vergebens, will Malvina Schunk die Wohnungslosen schnellst möglich zurück ins Leben führen. Die tristen Notunterkünfte sind gerade für Familien oder Paare mit Kinder keine passende Umgebung. Schon gar nicht für eine längere Zeit. Nach Auskunft von Sozialdezernent Jörg Rotter leben zwei Männer schon fast 20 Jahre in einem Ober-Röder Behelfsquartier. Die Stadt strebt grundsätzlich eine weit kürzere Verweildauer an. Malvina Schunk geht in die Unterkünfte und arbeitet mit den Eingewiesenen an Lösungen, man könnte auch Aus-Wege sagen. Ein Mann aus der Ricarda-Huch-Straße will ins Betreute Wohnen. „Ich habe ihm Hausaufgaben gegeben. Er soll aufschreiben, warum er das will“, erläutert sie die Mischung aus Fördern und Fordern. Parallel zur Wohnungssuche hilft sie auch bei der Suche nach einem Job oder nach Anschluss. Dabei entdeckt Malvina Schunk immer wieder verschüttete Fähigkeiten: „Zwei Männer engagieren sich in der Flüchtlingshilfe oder bei den Seniorenlotsen. Das sind Menschen, die nicht nur Defizite haben, sondern auch ihre Ressourcen zur Verfügung stellen.“

Quelle: op-online.de

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