Kleiderordnung bremst den Pastor

+
FeG-Pastor Jens Bertram will möglichst oft zum Büro im Gemeindehaus radeln und betont dabei das Wort „möglichst“. Denn manchmal braucht er das Auto einfach zum Transport von Kisten voller Liederbücher oder wenig mobilen Gemeindemitgliedern.

Rödermark - Jens Bertram redet nicht lange um den heißen Brei herum. „Voriges Jahr bin ich ganze 70 Kilometer auf dem Rad gefahren“, gibt der Pastor der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) zu, dass das Auto sein sein bevorzugtes Fortbewegungsmittel ist. Von Michael Löw 

Die Aktion „Stadtradeln“, die Deutschlands aktivste Kommune sucht, war ein deshalb ein willkommener und überfälliger Anlass, das silberfarbene Tourenrad aus dem Keller zu holen und abzustauben - symbolisch zumindest. Bertram ist nicht nur Seelsorger der FeG, sondern auch deren oberster Pfadfinder. Da fühlt er sich dem Natur- und Klimaschutz besonders verpflichtet. 16 weitere Gemeindemitglieder hat er motiviert, die FeG gehört zu den drei größten Teilnehmergruppen in Rödermark. In die Pedale treten so unterschiedliche Radler wie der Mann, der jahrein, jahraus die 40 Kilometer zur Arbeit strampelt, oder ältere Christen, die sich getreu dem Motto „Dabeisein ist alles“ angemeldet haben.

Ihr Pastor ist das, was man einen Ja-aber-Umsteiger nennen könnte: Möglichst oft das Auto stehen lassen, doch wenn"s nicht anders geht, bleibt das Fahrrad stehen. Zum Beispiel gleich am zweiten Tag der Aktion. „Ich kann doch nicht im strömenden Regen mit dem Anzug zum Gottesdienst radeln“, zieht Jens Bertram eine klare Grenzlinie. Denn zuerst ist er seinem Arbeitgeber verpflichtet. Und der schreibt für bestimmte Anlässe eine bestimmte Kleidung vor, knitterfrei und trocken. Regelmäßig fährt Jens Bertram jetzt zur Arbeit ins FeG-Gemeindehaus in der Carl-Zeiss-Straße. Gute zwei Kilometer sind"s von Urberach dorthin. Der Weg hat leichtes Gefälle, da kommt er immer entspannt und unverschwitzt an. Einen Satz frischer Klamotten will er trotzdem im Büro deponieren.

„Seit ich mich fürs Stadtradeln angemeldet habe, denke ich viel häufiger darüber nach, wann ich aufs Auto verzichten kann“, erzählt Jens Bertram. Man müsse dann halt besser organisieren. Die Gitarre für den Singkreis kann er sich beim Radfahren auf den Rücken schnallen. Aber was ist mit den Kisten voller Liederbücher, ohne die ein Singkreis ziemlich stumm bleibt? Da müssen andere Gemeindemitglieder ihr Auto starten.

Fahrrad-Infotag des ADFC

Fahrrad-Infotag des ADFC

Vom Sattel aus sieht Jens Bertram Rödermark mit ganz anderen Augen, ein Hindernis hat er bereits gefunden: Das Drängelgitter am Bahnübergang zwischen der Kurt-Schumacher-Straße und den Kleingärten am Erlenwald ist schon für einen Soloradler nur schwer zu passieren. Hat Bertram aber den Anhänger mit seinem jüngsten Sohn dranhängen, bleibt er stecken und muss auf die viel befahrene Ober-Rodener Straße am Märktezentrum ausweichen. Er hofft, dass das „Stadtradeln“ noch mehr solcher Schwachstellen offenbart, damit die Stadt das Radeln attraktiver machen kann. Jens Bertram will während der dreiwöchigen Aktion „möglichst oft“ das Fahrrad benutzen. Aber alles hat seine Grenzen - unabhängig von der Kleiderordnung seiner Kirche: „Ich werde nicht derjenige sein, der täglich vier Stunden durch den Odenwald tourt!“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare