Erinnerung an jüdische Nachbarn

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Der erste Stolperstein in Ober-Roden.

Ober-Roden - Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern bald auch in Ober-Roden an Juden, die in der Nazizeit ermordet, deportiert, vertrieben, entrechtet oder in den Selbstmord getrieben wurden. Von Michael Löw

Die sechs Steine sollen im Herbst in der Frankfurter Straße verlegt werden. Die Familie Murmann hatte die Gedenkaktion angestoßen. „Meine Eltern waren mit Jaky Hecht, dem letzten überlebenden Juden aus Ober-Roden, befreundet“, schildert Christiane Murmann die Beweggründe. Mit der Stadt, dem Urberacher Theatermacher Oliver Nedelmann und dem Verein Rödermark-Festival hat sie schon Unterstützer gefunden.

Die Frankfurter Straße 17 ist ein modernes Wohn- und Geschäftshaus aus den neunziger Jahren. In den dreißiger Jahren handelte dort zunächst die Jüdin Frieda Kahn und dann ihre Tochter Berta Hecht mit Schuhen, ein alteingesessenes Geschäft also. Doch die Witwe und ihre Kinder Rosel und Jaky mussten seit Hitlers Machtergreifung von einem Teil der Ober-Röder Bevölkerung Schikanen und Drohungen ertragen. Eines Nachts wurde „Jude verrecke“ mit roter Ölfarbe an die Tür ihres Ladens geschmiert. Andere hatten jedoch den Mut, sich der Familie Hecht gegenüber „korrekt zu verhalten, sie zu grüßen oder gar bei ihnen einzukaufen“. Das stellten Prof. Egon Schallmayer und Dr. Jörg Leuschner bei ihren Recherchen für das Buch „Ober-Roden und Urberach im Dritten Reich“ fest.

In der Reichskristallnacht vom 10. auf den 11. November 1938 hetzten Ober-Rodens Bürgermeister Josef Moser und der Urberacher NSDAP-Ortsgruppenleiter Dr. Paul Esser 50 bis 60 Mann auf, das „Haus Kahn heimzusuchen und die Geschäftsräume zu zerstören“. Sie leisteten ganze Arbeit. Zeitzeugen schilderten Schallmayer und Leuschner gegenüber, dass „Handelsware, Schuhe und Wäsche auf die Straße geworfen wurde“. Selbst den Ofen zertrümmerte der Mob. Zahlreiche Menschen schauten zu, doch Protest regte sich kaum. Berta Hecht versteckte sich mit ihrer Tochter im Holzschuppen.

Beim nächtlichen Bier im Gasthaus „Zur Sonne“ hörten die Ober-Röder SA-Männer und Nazi-Handlanger, dass in Urberach „bessere und gründlichere Arbeit geleistet wurde“. Sie kehrten in die Frankfurter Straße zurück, wo sie nun auch die Marmeladengläser zerschlugen und die Betten aufschnitten. Mutter und Tochter Kahn flüchteten in die Pfarrgasse, wo ein mutiges Ehepaar ihnen Unterschlupf gewährte.

Gedenkveranstaltung im Bücherturm

Frieda Kahn starb am 7. November 1940 in Ober-Roden, ihre Tochter Berta wurde wenig später aus Frankfurt nach Minsk verschleppt, wo sie umgebracht wurde. Auch Rosel Hecht starb in einem Vernichtungslager der Nazis. Ihr Bruder Jaky Hecht konnte rechtzeitig nach Palästina flüchten. Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, kehrte er als englischer Soldat nach Ober-Roden zurück. Bis zu seinem Tod im Jahr 2002 hielt er Kontakt zu mehreren Familien. Christiane Murmann beschreibt ihn als lebenslustigen Menschen, für den Ober-Roden immer seine Heimat geblieben sei - trotz allem Hass, der seinen Angehörigen entgegengeschlagen war.

Die Ober-Röder NSDAP-Oberen hatten Hab und Gut der Familie Kahn/Hecht entweder offiziell enteignet oder sich unter den Nagel gerissen. Ein Feldgrundstück zwischen Ober-Roden und Rollwald entging aber ihrer deutschen Gründlichkeit. Es gehört immer noch Jaky Hecht. „Unsere Kämmerei hat lange Jahre eine Steuerakte geführt. Seine Grundsteuer A betrug 1,20 Mark“, berichtete Bürgermeister Roland Kern.

Die Stadt plant am 10. November - zur 75. Wiederkehr der Reichskristallnacht - eine Gedenkveranstaltung im Bücherturm. Im Herbst sollen auch die Stolpersteine verlegt werden, die an die sechs Angehörigen der Familien Kahn und Hecht erinnern. Der Verein Rödermark-Festival sammelt Spenden für die Stolpersteine: Konto 0148016777 bei der Sparkasse Dieburg, BLZ 50852651. Spendenquittungen können ausgestellt werden.

In Urberach hat die Stadt schon im November 2009 die Gedenkstätte Bahnhofstraße 18 eingeweiht. Eine Tafel informiert über die Geburts- und wahrscheinlichen Sterbedaten der Ober-Röder und Urberacher Juden, die jahrzehntelang normale Nachbarn waren.

Quelle: op-online.de

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