Nachdenkliche Aktion

Steine gegen das Vergessen

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Während der „Erfinder“ der Stolpersteine, der Künstler Gunter Demnig, sechs Steine für die Mitglieder der jüdischen Familien Hecht und Kahn verlegte, erinnerte Oliver Nedelmann für die Initiative Stolpersteine an ihre in der Reichskristallnacht jäh veränderten Lebensläufe.

Ober-Roden - Erinnerung und Mahnung sollen sie sein, die Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig seit 1997 weltweit verlegt. Jetzt hat er damit auch in Ober-Roden ein Zeichen gesetzt.

Die Initiative „Stolpersteine“ hatte die Verlegung von sechs Steinen vor dem Haus Frankfurter Straße 17, an jener Stelle, wo einst die Familien Kahn und Hecht ihren Schuhladen betrieben, beantragt und auch einstimmig genehmigt bekommen. Sie haben auch Gunter Demnig dafür gewinnen können. „Es ist etwas anderes als eine Tafel an einer Hauswand. Beim Lesen macht man zwangsläufig eine Verbeugung“, erläuterte der Künstler seine Idee.

Aus seinen vielen tausend Begegnungen erinnert er sich an einen Schüler, der ihm einmal gesagt hatte: „Darüber stolpern? Nein – man fällt nicht hin, aber man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen!“ Das möchte er erreichen: dass in den Köpfen etwas bewegt wird. Dafür setzen sich immer mehr Menschen in Gedanken an die geflüchteten oder ermordeten jüdischen Mitbürger ein. In 13 Jahren hat er zwar auch drei Morddrohungen bekommen für sein Handeln, doch die Akzeptanz wird immer größer. In Deutschland wurde Ober-Roden nun zur 905. oder 907. Gemeinde (genau kann er’s nicht mehr nachvollziehen). Vom höchsten Norden bis in den tiefsten Süden sind es weltweit derzeit 44 000 Steine in bislang 17 Ländern, die verlegt wurden.

Diese ganz andere Art des Geschichtsunterrichts erinnert nun in Ober-Roden mit sechs Stolpersteinen an Berta Hecht, Jaky Hecht, Rosel Hecht, Salomon Hecht, Frieda Kahn und Ludwig Kahn. Das Denkwürdige daran ist wohl auch: Je mehr Menschen darüber laufen, umso glänzender und auffallender werden die Stolpersteine. Theater-Mann Oliver Nedelmann gedachte noch einmal der Menschen hinter den Namen und ihrer leider oft viel zu kurzen Lebensgeschichten. Bürgermeister Roland Kern stellte vor allem Jaky Hecht in den Mittelpunkt, der nach seiner

2011: Stolpersteine in Rodgau verlegt

Großes Interesse an ersten „Stolpersteinen“

Flucht über die Frankfurter jüdische Schule nach Palästina später oft nach Ober-Roden zurückkam, weil hier „doch meine Familie“ ist, auch wenn die Verwandten längst in Minsk ermordet oder durch die Flucht in die Welt verstreut waren und ihm hier nur leidvolles Unrecht geschehen war. „So hat sich Jaky Hecht auf ganz ungewöhnliche Weise um das friedvolle Zusammenleben in unserem Ort verdient gemacht.“

Mit dabei hatte er den letzten Baustein des alten Hauses, in dem die beiden Familien gelebt und aus dem sie in der sogenannten Reichskristallnacht brutal vertrieben worden waren. Die einstige Nachbarin Elisabeth Wilhelm hatte den Stein ihn aufbewahrt. Unter Anteilnahme zahlreicher Rödermärker Bürger wurden bei jiddischer Klarinettenmusik, gespielt von Britta Sauer, Kerzen entzündet, ehe die Gruppe weiterzog in die Rilkestraße, wo sie auf dem Grüngelände einen Mandelbaum pflanzte.

Begleitet von den Pfarrern Elmar Jung, Carsten Fleckenstein und Oliver Mattes setzte die Initiative „Stolpersteine“ bei Gesang und Gebet einen jungen Baum, ganz in der Hoffnung des Liedtextes von Shalom Ben-Chorin: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, bleibe uns ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.“

chz

Quelle: op-online.de

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