Bedarf nach Behindertenbetreuung ist groß:

Förderung mit Fingerspitzengefühl

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Die Besucher der Tagesförderstätte werden mit einfachen Arbeiten vertraut gemacht. Unter fachkundiger Anleitung bedruckten sie in dieser Woche Stofftaschen mit Weihnachtsmotiven.

Ober-Roden - Die Werkstätten Hainbachtal betreuen in ihrer neuen Tagesförderstätte auf dem Jado-Gelände 37 Menschen mit zum Teil mehrfachen Behinderungen. Die gemeinnützige GmbH hat 1000 Quadratmeter einer Produktions- und Bürohalle für ihre Zwecke umbauen lassen. Von Michael Löw 

Am Montag eröffnet Hessens Sozialminister Stefan Grüttner die Einrichtung. Die Tagesförderstätte der Werkstätten Hainbachtal hat am 4. September ihren Betrieb in der Paul-Ehrlich-Straße aufgenommen. Schon jetzt sind 37 der 40 Plätze besetzt, der Betreuungsbedarf für behinderte Menschen ist groß. Die Einrichtung dürfte in den nächsten Wochen also voll sein.

Die eine Hälfte der Besucher zog aus dem Offenbacher Stammhaus ins Ober-Röder Industriegebiet um, bei der anderen Hälfte handelt es sich um Abgänger aus den Förderschulen der Region. „Es war ein schöner Anfang. Die Leute sind lächelnd aus den Bussen gestiegen“, zieht Leiterin Melanie Immenroth Bilanz der ersten Wochen.

„Die Leute“ - das sind 37 Menschen mit fast ebensovielen Krankheitsbildern. Melanie Immenroth und ihr Team aus Heilerzieherinnen, Therapeuten, Pädagogen, Auszubildenden, Praktikanten und FSJ"lern betreuen ein Klientel, das sie überwiegend fördern und vereinzelt fordern müssen.

Ergotherapeutin Doro Koch bedruckt mit einem jungen Mann Stoffbeutel mit Weihnachtsmotiven. Der braucht genaue Anweisungen, wohin er schwarze, braune oder rote Farbe tupfen soll oder wie er die Vorlage auf die Tasche presst. Das ist Handarbeit, in die der Faktor Zeit nicht einfließen darf und kann.

Zumal Doro Kochs „Beschäftigte“ nicht immer mit voller Motivation an die Arbeit gehen, sondern ab und zu auch angetrieben werden müssen. „Diese vergleichsweise fitten jungen Männer brauchen mehr Forder- als Förderung. Wir fühlen uns ja auch wohler, wenn wir unseren Job gut machen“, sagt Melanie Immenroth.

Die Tagesstättenbesucher stecken außerdem hölzerne Schlüsselanhänger, die „Hainwürmchen“, zusammen, mähen und düngen den Rasen in ihrem kleinen Garten oder waschen für die in einem anderen Gebäudeteil untergebrachten Hainbachtal-Werkstätten.

Gemeinsame Mahlzeiten bei Frühstück und Mittagessen bringen Struktur in den Tag, zwischendrin erhalten die Besucher individuelle Förderung und Pflege. Die reicht von der Begleitung beim Toilettengang bis zur „Lagerung“. Das klingt für Laien nach dem Abstellen einer Sache ins Regal, erfordert im Alltag der Förderstelle aber solides medizinisches Wissen und Einfühlungsvermögen. „Wer den ganzen Tag in einer angepassten Schale sitzt, wird leicht wund. Deshalb muss so jemand mal auf einen Sitzsack oder eine Liegematte wechseln“, verdeutlicht Melanie Immenroth das an einem Beispiel.

Die meisten Besucher haben angeborene (Mehrfach-)Behinderungen. Kleine Gendefekte haben fatale Auswirkungen auf Körper und Geist. Auch Sauerstoffmangel bei der Geburt ist trotz aller Hightech-Medizin Ursache vieler Behinderungen. Eine Minute reicht da schon für lebenslange Beeinträchtigungen. Vereinzelt betreut das Hainbachtal-Team auch Unfallopfer oder Menschen, die eine nicht ausgeheilte Hirnhautentzündung zum Pflegefall machte.

Diese Krankheitsbilder bergen Konfliktpotenzial, immer wieder sind Behinderte gegen sich selbst oder andere aggressiv. Das passiert, so Melanie Immenroth, weil die Leute einen Streit nicht mit Worten austragen können.

Der Landeswohlfahrtsverband hat den Hainbachtal-Werkstätten 40 Plätze in der Förderstätte genehmigt. Jeder Besucher hat eine Stammgruppe, deren Leiter alle Details wie die nötigen Medikamente und dergleichen kennt. Die meiste Zeit sind sie jedoch im Haus unterwegs, verrichten die vorne erwähnten Arbeiten oder nutzen die Möglichkeiten des Bewegungsraumes.

Ein Flur im Obergeschoss fällt durch seine kahlen Wände auf, die nur durch kleine Schilder vereinzelte Farbkleckse bekommen. Das ist der Bereich der Autisten - also jener Menschen, die sich scheinbar von der Außenwelt abschotten. Für sie ist jeder optische oder akustische Reiz eine Tortur. Die wurden bei der Renovierung des Gebäudes vermieden.

Fast sieben Wochen läuft die Betreuung nun schon täglich von 8.30 bis 15.30 Uhr. Am Montag, 23. Oktober, wird die Tagesförderstätte nun auch mit geladenen Gästen aus Wohlfahrtspflege und Politik eröffnet. Gastredner ist Hessens Sozialminister Stefan Grüttner.

Quelle: op-online.de

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