Ein Tankschiff namens Niklas

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Die Sektflasche ist am Rumpf zerknallt, der Name ist enthüllt und die Besatzung applaudiert: Niklas Arnheiter hat das Tankschiff getauft, das nun mit seinem Vornamen auf den großen Flüssen Europas unterwegs ist. Der heilige Nikolaus ist der Schutzpatron der Seefahrer.

Rödermark - Er ist fünf Jahre alt, geht in den Kindergarten und will einmal Feuerwehrmann werden. Niklas Arnheiter ist ein Junge wie viele andere. Aber er ist der einzige Fünfjährige in Rödermark, nach dem ein Schiff benannt ist: die „TMS Niklas“. Von Ekkehard Wolf

Der Junge hat sie eigenhändig getauft.

Die „Niklas“ ist kein kleines Segelboot, sondern ein ausgewachsener Tanker der neuesten Generation. 110 Meter lang, mehr als elf Meter breit. Wenn die Tanks voll sind, befindet sich der Kiel 3,20 Meter unter der Wasseroberfläche.

An Deck zwischen Rohren und Tankdeckeln: Stefanie und Oliver Arnheiter mit Sohn Niklas.

Oliver Arnheiter, der Vater von Niklas, ist Binnenschiffer von Beruf. Er ist vielleicht der einzige Rödermärker mit Kapitänspatent. Sein Geld verdient er mit Erdölprodukten. Er beliefert unter anderem den Frankfurter Flughafen mit Kerosin von den Raffinerien in Rotterdam. Auf dem Rhein bringt er Benzin, Diesel & Co. bis nach Basel. Die Liebe hat den Binnenschiffer nach Rödermark gebracht – und schuld daran war Dieter Bohlen. Eigentlich stammt Oliver Arnheiter aus einer Jahrhunderte alten Schifferdynastie in Wörth am Main. Vor 20 Jahren lernte er dort seine Ehefrau Stefanie kennen. Bei der 700-Jahr-Feier in Wörth stand nämlich auch Dieter Bohlen auf der Bühne. „Den wollte damals keiner hören, aber meine Freundin und ich hatten Freikarten“, erinnert sich Stefanie Arnheiter. Am Mainufer hat es dann gefunkt. Und 20 Jahre später wurde mit Niklas die Schiffstaufe gefeiert.

Umrüstung von altem Schiff hat sich nicht gelohnt

Einen einstelligen Millionenbetrag hat Oliver Arnheiter in sein neues Schiff investiert. Es hat eine Doppelhülle: Zwischen den Frachttanks und der Außenwand ist ein Meter freier Raum, damit bei einer Havarie keine Flüssigkeit austreten kann. Dieser Beitrag zum Umweltschutz ist bald gesetzlich vorgeschrieben. Die großen Mineralölfirmen fordern ihn schon jetzt. Sein altes Schiff „Paris“ umzurüsten, hätte sich für Oliver Arnheiter nicht gelohnt. Neben den hohen Umbaukosten für einen geringeren Laderaum hätte er mehrere Monate Verdienstausfall hinnehmen müssen. In der Wirtschaftskrise nutzte er die Chance der niedrigen Stahlpreise und günstigen Kreditzinsen. Jetzt fährt er einen Tanker, der exakt nach seinen Vorstellungen gebaut wurde. Während der Arbeiten auf der Werft Groningen Shipyard in den Niederlanden schaute Sohn Niklas so oft nach dem Rechten, dass er als Erinnerung einen echten Bauarbeiterhelm bekam.

Mit ihren 1 800 PS macht die „TMS Niklas“ in beladenem Zustand elf Stundenkilometer – gegen die Strömung. Die acht Ladetanks fassen 3 400 Kubikmeter. „Das sind 100 Lastzüge oder zwei Kilometer Stau auf der Autobahn“, sagt der Eigner stolz.

Diesen Ausblick hat der Kapitän. Ein Steuerrad sucht man auf der Brücke übrigens vergebens: Der 110 Meter lange Tanker wird mit dem Joystick gesteuert. Bei der Einfahrt in die Schleusen ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Eine normale Schleuse ist zwölf Meter breit, das Schiff 11,45 Meter.

Als Eigner und Kapitän hat Oliver Arnheiter eine eigene Wohnung an Bord, so dass auch die Familie mitfahren kann. Die übrige Besatzung lebt auf 140 Quadratmetern: sechs Schlafzimmer, zwei Bäder, zwei Küchen. Die Wohnung ist gummigelagert, damit auch die Tagschicht nachts ruhig schlafen kann. Denn Zeit ist Geld in diesem Gewerbe. Die „TMS Niklas“ fährt rund um die Uhr, dank Radar und GPS nachts genauso sicher wie am Tag. Zwei Wochen an Bord, zwei Wochen zu Hause: Auf diesen Lebensrhythmus hat sich die Familie eingestellt. Wenn Oliver Arnheiter nicht auf den Binnengewässern Europas unterwegs ist, sitzt er im Büro der Maintank Schifffahrtsgesellschaft mbH (MTS) in Wörth am Main, die eine Flotte von zwölf Tankschiffen betreibt. Eines davon ist die „TMS Niklas“. Der Heimathafen in Unterfranken kommt nicht von ungefähr. Die Familie Arnheiter ist dort seit dem 17. Jahrhundert in der Chronik der Binnenschiffer verzeichnet. Auch Oliver Arnheiter ist quasi an Bord aufgewachsen. Nach seinem Schulabschluss fing er bei seinen Eltern als Schiffsjunge an. Schon mit 21 Jahren machte er 1991 sein Schifferpatent. Bis 2003 arbeitete er als angestellter Schiffsführer, bevor er sich selbstständig machte. Zu diesem Zeitpunkt waren Oliver und Stefanie Arnheiter längst ein Paar. Scherzhafter Kommentar der Ehefrau zur Schiffstaufe: „Seit 20 Jahren muss ich mir das in jeder Lebenslage anhören: ‚Ich will ein neues Schiff!’ Ich hoffe, mein lieber Schatz, das hat jetzt ein Ende.“

Quelle: op-online.de

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