Akrobat und Baumdoktor zugleich

Tarzans Handwerker-Kollegen in Waldacker

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Weit oben muss sich Sebastian Idecke manchmal ganz schön lang machen. Seile sorgen in der Baumkrone für Sicherheit, eine leichte Akkusäge schont die Kräfte.

Waldacker -  Sebastian Idecke ist Baumkletterer. Sein Arbeitsplatz befindet sich mal nur drei oder vier, immer wieder aber auch bis zu zwanzig Meter über dem Boden. Von Michael Löw

Wir haben den Chef des Waldackerer Unternehmens „Rund um den Baum“ eineinhalb Stunden begleitet - auf sensiblem Terrain, nämlich dem Friedhof Nieder-Roden. Der Beruf macht Sebastian Idecke zum professionellen Beobachter des Wetterberichts. „Morgens wissen meine Leute und ich oft nicht, was wir den Tag über tun“, schildert der Baumkletterer den typischen Arbeitsbeginn an einem durchwachsenen Tag. Regen macht seinen Job auf Großbäumen - das sind welche ab 20 Metern Höhe oder demselben Kronendurchmesser - rutschig und gefährlich.

Doch dieser Morgen ist sonnig. Sebastian Idecke, drei weitere Kletterer und zwei Mann Bodenpersonal verstauen kurz nach acht Uhr Hand- und Motorsägen, Klettergurte, Helme, Seile, Leiter und etliches Werkzeug mehr in den Autos und fahren zum Nieder-Röder Friedhof. Kronenpflege heißt ihr Auftrag. Zwischen den Gräbern stehen unzählige Bäume, aus denen seine Firma „Rund um den Baum“ totes Holz schneiden muss. Für die Stadt Rodgau kümmert sich Idecke um die Verkehrssicherungspflicht - niemand will schließlich, dass ein abgestorbener Ast auf Trauernde stürzt. Solche Äste müssen nicht sonderlich dick sein. Bei entsprechender Fallhöhe entwickeln schon welche mit drei Zentimetern Durchmesser eine gefährliche Wucht.

Selbst nach mehr als 20 Jahren Erfahrung checkt Idecke seine Ausrüstung vor jedem Aufstieg akribisch. Routine darf einen Baumkletterer nie zu Leichtsinn verführen. Deshalb absolviert er auch mit seinen Leuten regelmäßig einen Sicherheitstag.

Vor Ort spricht Idecke mit seinen Leuten stets das Thema Sicherheit durch. Die Kollegen am Boden müssen zum Beispiel wissen, wohin sie bei Unfällen den Rettungsdienst alarmieren müssen. Und Idecke schaut sich jeden Baum, den er besteigt, erst genau an, ob er überhaupt stabil genug steht. Dann endlich beginnt er mit dem, was seinen Beruf so interessant macht. Mit einer dünnen Wurfschnur befördert er das dicke Kletterseil über eine Astgabel. „Einbauen“ heißen diese ersten Handgriffe, die die Arbeit sicher machen. Schritt Nummer zwei beschreibt Sebastian Idecke im twittergerechten Kurzdeutsch: „Klettergeschirr an, Helm auf, Motorsäge ein. Dann geht’s rauf!“

Ähnlich schnell hangelt und zieht Idecke sich an seinen Arbeitsplatz und verschwindet mir nichts, dir nichts in der Krone einer Eiche. Den Parcours, den er klettere, habe er schon vorm Aufstieg im Kopf. Wichtigstes Handwerkszeug ist eine nur drei Kilogramm leichte Akku-Motorsäge mit 30-Zentimeter-Schwert. Die kappt leise schnurrend auch dicke Äste, die meist durchs Blattwerk zu Boden rauschen und gelegentlich abgeseilt werden müssen, um keine Gräber zu beschädigen. Nach 30 Minuten liegt rund ein halber Kubikmeter Totholz auf dem Rasen. Dann rückt der Kollege mit dem Häcksler an.

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Sebastian Idecke hat sein Unternehmen vor 21 Jahren gegründet. Er selbst ist einmal abgestürzt und hat sich beide Hände gebrochen, doch ansonsten blieb das „Rund um den Baum“-Team von Unfällen verschont. Dass das so ist, führt Idecke auch auf den Sicherheitstag zurück, den er einmal pro Jahr mit seinen Leuten absolviert.

Und selbst bei Routineeinsätzen steht immer ein zweiter Kletterer bereit. „Wir kriegen jeden Verunglückten aus dem Baum raus. Egal wo er hängt“, sagt Idecke martialisch. Doch das hat seinen Grund: Wer nur 20 Minuten kopfüber im Seil hängt, ist hirntot. So schnell ist selten ein Höhenretter der Feuerwehr am Unglücksort. Vor Urlauben hat Sebastian Idecke (fast) mehr Angst als vor Unfällen. Denn nach zwei Woche Pause braucht selbst ein durchtrainierter Kletterer wie er fast zwei Wochen Zeit, bis er wieder ohne Muskelkater den Arbeitstag beendet.

Quelle: op-online.de

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