Verein Heimkehr 06 Urberach findet keinen Nachwuchs mehr

Nach 110 Jahren: Taubenzüchter hören auf

+
Einer der letzten der aktiven Brieftauben-Freunde ist der Urberacher Ingolf Gensert.

Urberach - Die Rödermärker Vereinslandschaft ist um ein historisches Mitglied ärmer: Der Brieftaubenverein Heimkehr 06 Urberach hat sich zum Jahresende 2016 aufgelöst.

Der Brieftaubenverein Heimkehr 06 Urberach ist Geschichte. Noch im August hatten die Züchter ihren 110. Geburtstag gefeiert. Vorsitzender Wilfried Frank (78) und seine Stellvertreterin Simone Lotz haben jedoch die Nostalgie hintan gestellt und stattdessen Vernunft walten lassen: Nur noch zwei halbwegs aktive Mitglieder sind ein klares Zeichen für das Ende dieser Ära.Der Abschied fiel trotzdem schwer, auch wenn ein letztes kulinarisches Treffen es versüßt hat und sich die Teilnehmer noch mehr als zwei Stunden der alten Zeiten erinnerten. Die 15 Mitglieder haben mit dem Restvermögen des Vereins noch einmal nett getafelt. Nein, nicht mit gebratenen Tauben wie im Schlaraffenland, sondern mit Rehbraten und manchem guten Schluck. Simone Lotz, die das Hobby und auch den Posten von ihrem Vater Werner übernommen hat, war mit Abstand die jüngste, der Rest befindet sich weitgehend im tiefen Rentenalter und reist ganz einfach nicht mehr mit seinen Tauben. Auch die Reisevereinigung, also der Dachverband, mit Sitz in Münster hat sich voriges Jahr aufgelöst. Denn auch da waren von einst über 45 Mitgliedern nur einer übrig geblieben. Die Ober-Röder und Urberacher Taubenfreunde hatten sich schon längst abgemeldet.

Die Festschrift zum 110. Geburtstag war im August sozusagen das Abschiedsgeschenk des Brieftaubenvereins Heimkehr 06.

Damit die Heimkehr 06 nicht ganz in der Versenkung verschwindet und vergessen wird, hat der Hobby-Ahnenforscher Herbert Sulzmann ihr noch ein Buch gewidmet: einen Prachtband mit historischen Zeittafeln, Fotos, Anekdoten und vielem mehr. Es ist nicht nur für Brieftaubenzüchter eine Freude anzuschauen, sondern ein Stück Urberacher und Ober-Röder Zeitgeschichte. Erinnerungen werden wach an viele Reisen. Die weitesten gingen nach Budapest und nach Limoges (etwa 800 und 900 Kilometer): „Das sind Sportler und keine x-beliebigen Tauben, die könnten das nicht“, erklärt Herbert Sulzmann nicht ohne Stolz. Und erklärt auch gleich, warum die Tauben immer wieder heimkommen: „Das hängt mit dem Erdmagnetismus zusammen, doch man muss das auch immer wieder üben und üben.“

Trainingstouren wurden lange Zeit mit Pferdefuhrwerken gemacht, die Körbe mehrerer Züchter mitgenommen haben. Nach dem Krieg übernahmen Lastwagen den Transport, aus denen am Zielort mehrere hundert Tauben aufstiegen. „Es ist schon ein teures Hobby: durch Futter, Behausung und Fahrten allein in der Regel etwa ein Monatsgehalt Kosten im Jahr“, nennt Sulzmann einen weiteren Grund für das Ende des Vereins. Im Schnitt hatte ein Züchter immer etwa 60 bis 70 Tauben, von denen er gut die Hälfte auf die Reise schickte - wenn die nicht allzu lang war. Zuletzt gingen aber höchstens noch 20 Tauben auf Tour, und seit auch der Ober-Röder Züchter Joachim Sonnleitner mit seinen Tauben nicht mehr reist, lohnte es sich gar nicht mehr.

Bilder: Tierbabys in Frankfurt und Kronberg

„Ich selbst habe in meinem Elternhaus nie Tauben gehabt“, erzählt Herbert Sulzmann, der 1953 mit diesem Hobby angefangen hatte. Nachdem Vereinsmitglied Martin Jäger mit nur 53 Jahren gestorben war, hatte er dessen Tauben übernommen. Nach dem Hausbau hatte er 1962 die Tiere in einen Taubenschlag in seinem Garten gehalten. Eine Hüftoperation 1993 und eine weitere schwere Erkrankung brachten ihn dazu, seine Tauben Wilfried Frank zu überlassen und mit ihm zusammen zu reisen. Dass es Herbert Sulzmann jetzt nach der Auflösung des niemals eingetragenen Vereins langweilig wird, ist nicht zu befürchten. Derzeit arbeitet er viel an seiner Familienchronik, die inzwischen große Dateien seines Rechners füllt und demnächst in gedruckter Form erschienen ist. Am 11.und 12 Februar ist der Geschichte der „Sulzmänner“ eine Ausstellung im Töpfermuseum gewidmet. (chz)

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare