Hilfe seit Jahrhunderten

Testament eines Grafen ist Grundlage der Stiftung Rödermark

Ober-Roden - Die Stiftung Rödermark hilft unbürokratisch Menschen, die in kein Raster der Sozialbürokratie passen. Sie schüttete 2016 rund 4 000 Euro aus. Die Stiftung geht auf die „Ober-Rodener Spendung“ des Grafen Reinhard von Hanau-Lichtenberg aus dem Jahr 1543 zurück. Von Michael Löw

Graf Reinhard von Hanau-Lichtenberg hatte die „Ober-Rodener Spendung“ in seinem Testament verfügt. Eine Tafel an der St. Nazarius-Kirche erinnert an den Wohltäter.  

Dank eines Testaments aus dem 16. Jahrhundert kann die Stadt heute Bedürftige in Notlagen unterstützen, für die keine Behörde zuständig ist oder sich zuständig fühlt. Die Hilfe reicht von 5,85 Euro für den Kauf einer Fahrkarte zum Sozialamt bis zum 100-Euro-Zuschuss beim Kauf eines Musikinstruments. Der erste Rödermärker Sozialbericht hat Ende 2017 aufgelistet, was die Stiftung Rödermark 2016 an Gutem bewirkt hat. Sie schüttete 4 063 Euro aus. Das meiste Geld - 2 500 Euro - geht an die Alltagsdrogenberatung. 27 Mal zahlte der städtische Sozialdienst, der die Stiftung verwaltet, kleine und kleinste Beträge aus. Das beginnt bei besagten 5,85 Euro für die Fahrt zum Sozialamt. 20 Euro verhalfen einem Bedürftigen zu einem gefüllten Einkaufskorb, mit 50 Euro konnte ein Obdachloser die Gebühr für die Ausstellung eines Personalausweises bezahlen. 83 Euro reichten, um einem Schwerkranken den Transport in eine Frankfurter Klinik zu ermöglichen.

Etliche Male floss Stiftungsgeld unter dem Stichwort Teilhabe. Familien mit dünnem Geldbeutel bekamen 100 Euro, damit ihre Kinder beim Kolpingzeltlager oder der Sommerfreizeit der evangelischen Kirchengemeinde mitfahren konnten. Jeweils 50 Euro erhielten Flüchtlingsfamilien, die ihre Kinder zu Schwimmkursen des Netzwerks für Integration schickten. Oft aber steht nur „finanzielle Notlage“ ohne nähere Angabe von Gründen im Sozialbericht. Diese Hilfe ohne viel Formalismus macht die Stiftung so wertvoll, sagt Erster Stadtrat Jörg Rotter. Denn sie springt schnell ein, wo andere nicht können, wollen oder dürfen.

Die Zahl der Bedürftigen ist gestiegen, stellt die Leiterin der Sozialen Dienste, Katja Merten, fest. 2015 hatte die Stiftung in sechs Fällen 2 856 Euro inklusive der 2 500 Euro für die Alltagsdrogenberatung bezahlt. 2016 waren’s 27 Fälle und mehr als 4 000 Euro. Ein Grund für den Anstieg liegt laut Merten in der Unterstützung von Flüchtlingskindern und Kindern von sozial benachteiligten Familien bei Freizeit- beziehungsweise Ferienaktivitäten, die nicht über andere Mittel finanziert werden können. Finanzielle Notlagen von Erwachsenen ergaben sich in der Regel im Wohnungslosenumfeld. „Menschen stranden in Rödermark ohne Geld oder haben ihre Papiere verloren und benötigen eine Starthilfe, um sie beantragen zu können.“

Der Vorgänger der Stiftung Rödermark, die „Ober-Rodener Spendung“, entstand aus dem Testament des Grafen Reinhard von Hanau-Lichtenberg (1494 bis 1537). Der trat schon als junger Mann für Schwache ein und bewahrte in Freiburg den Dieb eines Silberbechers vorm Galgen. Reinhard wurde Domherr in Straßburg - ein Amt, das geistliche und weltliche Würden mit sich brachte.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Rödermark

Ob der Adlige Ober-Roden je besucht hat, lässt sich nicht sicher sagen. Tatsache ist, dass Reinhard von seinem älteren Bruder 1511 als Pfarrer für das kleine Dorf Ober-Roden vorgeschlagen wurde. Aber schon wenige Tage später wurde ein anderer Geistlicher dorthin geschickt. Vermutlich war Reinhard in der Röder Mark gewesen und hatte angesichts der Armut einen Rückzieher gemacht. Die in seinem Testament verfügte „Spendung“ könnte also eine späte Wiedergutmachung gewesen sein.

1543 nahm sie mit einem Kapital von 900 Gulden die Arbeit auf, das Frankfurter Heilig-Geist-Hospital wurde zum Verwalter bestellt. Die „Ober-Rodener Spendung“ half mehrere hundert Jahre den Armen. Die letzte Auszahlung erfolgte 1937. Doch da war das Kapital schon weit zusammengeschmolzen. 1990 ließ die Stadt Rödermark die „Spendung“ unter neuem Namen wieder aufleben. Das Heilig-Geist-Hospital steuerte mit den übrig gebliebenen 300 Mark das eher symbolische Gründungskapital bei. Durch eine stattliche städtische Anschubfinanzierung sowie Spenden aus Wirtschaft und Bevölkerung wuchs es schnell auf 300.000 Mark beziehungsweise 153.387 Euro.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Löw, Michael

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.