Öffentliches Leben im Wohnzimmer

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Ein Glas Wein zuviel, und schon mailt es sich viel lockerer: Leo alias Oliver Nedelmann.

Urberach - Es ist wohl das einzige deutsche Wohnzimmer, in dem seine Bewohner privat leben und öffentlich Theater spielen. Wo tagsüber gelesen, Musik gehört oder ferngesehen wird, schlüpfen die Protagonisten abends in zahllose Rollen. Von Christine Ziesecke

Sie schreien sich auf denselben Möbeln an, leiden und lieben, karikieren und philosophieren, um ihr Publikum gut zu unterhalten - ohne Vorhang, ohne große Umbauten. So etwas hält sich nicht lange? Friederike und Oliver Nedelmann, das Ost-West-Theater-Pärchen, beweisen höchst lebendig das Gegenteil mit 1 500 Vorstellungen in siebeneinhalb Jahren. Auch ohne die vielen Gastvorstellungen in Schulen etwa und ohne die Aufführungen in der Grenz-Gedenkstätte „Point Alfa“ ist das unerwartet viel. Spitzenreiter im Urberacher Wohnzimmertheater ist die Eigenproduktion „Born in the GDR“ über Jugend in der DDR mit 188 Vorstellungen, gefolgt von der Sommerkomödie „Parmesan und Autofahr’n“ (161 Vorstellungen) und „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ (135 Vorstellungen).

Am Abend des kleinen Jubiläums steht die neueste Produktion auf dem Spielplan „Gut gegen Nordwind“. Nicht nur die überraschend veränderte Perspektive im Wohnzimmer lässt das Publikum aufschauen: Einige wenige choreographische Tricks, und schon ist eine völlig neue Atmosphäre entstanden, die dem Betrachter eine Art Voyeurs-Rolle zuschiebt, einen aufregenden Blick in zwei Wohnungen, in zwei Mailwechsel, in zwei Seelen.

Schauspieler-Paar läuft zu Hochform auf

Friederike und Oliver Nedelmann laufen zu Hochform auf. Die Schauspieler können sich nach Herzenslust ausleben – in Sprachwitz, tiefgründigem Humor, verhaltener Verschlossenheit der Eine, in überschäumender Lebensfreude und fast schon kindlicher Offen- und Direktheit, dabei kess, kokett, erotisch und stets ungeduldig die Andere.

Eigentlich fing alles in diesem Stück des Österreichers Daniel Glattauer mit einem Schreibfehler an. Eine E-Mail, wegen einer „ie“-Tippschwäche an den falschen Adressaten gekommen, löst einen Tumult an Gefühlen aus, der auf ein inneres Zerreißen zutreibt und die Klärung der Grundfrage unerlässlich macht: „Aufhören, so weitermachen wie bisher oder treffen wir uns?“ Das Ergebnis ist ungewöhnlich spannend, beeindruckend und tief bewegend und bietet dem Schauspielerpaar alle Chancen sich zu verwirklichen.

„Gut gegen Nordwind“ ist auch als Stück etwas Besonderes. Die Nedelmanns spielen gut eineinviertel Stunden miteinander, fast ohne Blickkontakt zu haben und ohne die Möglichkeit, sich zu beobachten, zu stützen und zu stärken. „Wenn wir uns gegenseitig auf der Bühne wohl fühlen, spüren wir das“, erläutert Oliver Nedelmann die Situation in dieser fast untrennbaren Enge zwischen Spieler und Besucher.

Wohnzimmertheater auch noch in zehn Jahren

„Eine ganze Zeit lang haben wir nun mit einer gewissen Regelmäßigkeit produziert, doch das werden wir nicht mehr lange so weitermachen aufgrund des langsam kommenden Alters“, sagen die Theaterleute und verweisen darauf, dass sie die 100 schon überschritten haben - gemeinsam natürlich.

Die nächsten 1500 Vorstellungen werden länger dauern, zumal das Paar keine neuen Kinderstücke mehr erarbeitet. „Ansonsten ist es als Schauspieler egal, ob man 65 oder 70 ist – das hängt ausschließlich von der Gesundheit ab.“ Und es bleibt abzuwarten, ob sich in zehn oder 20 Jahren noch genügend Publikum findet. „Aber wenn es so läuft, wie wir es erhoffen, haben wir den Vorteil, irgendwann Arbeitsteilzeit einführen zu können.“

Friederike und Oliver Nedelmann können sich gut vorstellen, in zehn Jahren immer noch gerne in ihrem Wohnzimmertheater aufzutreten. „Wir hatten uns unerwartet schnell gut entwickelt, doch zwischen 2008 und 2011 hat sich bei den Besucherzahlen nicht viel verändert. Doch das langt zum Leben“, freut sich der Autor, Regisseur und Schauspieler Nedelmann.

Quelle: op-online.de

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