Auf den Spuren der Jakobsmuschel

Zu Fuß bis an das Ende der Welt

Geschafft: Der Urberacher Ralf Schneider (links) und der Ober-Röder Arno Mieth vor der Kathedrale in Santiago de Compostela.

Ober-Roden - Schnee auf dem spanischen Jacobsweg – das gibt’s nicht! Von wegen. Der Ober-Röder Thomas Rausch hat’s erlebt, als er ab Léon zu Fuß den Spuren der Jakobsmuschel folgte. Von Christine Ziesecke 

Schnee ist nicht nur im Winter in Hessen ungewohnt und fast störend geworden. 20 Zentimeter Neuschnee sind auch nicht unbedingt auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela ein guter Wegbegleiter. Vor allem wenn das Wetter wenig später in Starkregen und kurz drauf von minus drei Grad in 28 Grad Hitze umschlägt. Das erfuhr der Ober-Röder Thomas Rausch (50) im vergangenen April am eigenen Leibe, als er über Orviedo und ab Léon zu Fuß den Spuren der Jakobsmuschel folgte: 450 Kilometer in 17 reinen Pilgertagen, in 24 Tagen schließlich sogar bis Kap Finisterre, das im Mittelalter als das Ende der Welt galt.

Er war alleine unterwegs. Vom 2. bis 22. September begab sich schließlich auch sein Schwager Arno Mieth (61) aus Ober-Roden gemeinsam mit Ralf Schneider (58) aus Urberach auf den Weg nach Santiago und weiter zum Kap Finisterre. Mit dem Flieger von Hahn nach Porto, zu Fuß an der Atlantikküste bis zur spanischen Grenze, dann den Grenzfluss entlang bis Santiago – ohne Schnee und viel Regen, dafür mit 30 und mehr Grad Hitze, etwa 260 Kilometer – „aber es war sicher mehr, denn wir haben uns ein paar Mal verlaufen“, erzählt Arno Mieth.

20 Zentimeter Neuschnee, aber wenige Tage später auch Regenfluten und 28 Grad – das waren Extreme!

Der portugiesische Weg ist weniger überlaufen als der spanische. Man läuft trotzdem nicht nur in stiller Besinnung, sondern teilweise an großen Verkehrsstraßen entlang, von Lastwagen überholt – beim Ausweg über die Straßengräben knickt man dann gern mal um. Vorbereitet hatten sie sich intensiv ab September 2015, gleich ganztags begonnen, untrainiert, aber ohne Gepäck mit nur einer Flasche Wasser im Rucksack: 38 Kilometer, drei Stunden Mittagsrast. Insgesamt zwölf Trainingseinheiten zwischen 15 und 38 Kilometer sind sie gelaufen, als Höhepunkt drei Tage lang den Bonifatiusweg von Mainz nach Fulda.

„Wir wollten herausfinden, wie es sich mit neun Kilo Marschgepäck plus Wasser läuft.“ Wie aber kamen ein Lager- und Versandleiter, ein Ingenieur und Projektmanager bei Siemens und ein IT-Fachmann auf diese strapaziöse Idee? „Ich wollte mal wieder etwas für mich alleine machen, zwei Spontanideen waren Nordkap oder Jakobsweg“, erinnert sich Thomas Rausch. Ralf Schneider erklärt lapidar: „Mit 40 bin ich Marathon gelaufen, mit 58 eben den Jakobsweg.“ Und Arno Mieth überlegt: „Warum ich gelaufen bin, weiß ich eigentlich nicht mehr. Auf alle Fälle habe ich einige Szenen des Weges in mein Buch ‚Die Allianz der Seelenwanderer’ eingebaut.“ […das gerade in Druck geht, Anmerkung der Redaktion.]

Zweifelten die Drei irgendwann an ihrem Unternehmungsgeist? Thomas Rausch: „Direkt nach der Landung zweifelt man erst mal an sich.“ Arno Mieth ging es so beim Abflug; Ralf Schneider dagegen schüttelt den Kopf „Ich nie!“ Ausgerechnet er hatte eine Hüftoperation mit einem neuen Gelenk hinter sich. Nach dem Umknicken hatte er sich zehn bis 15 Kilometer weiter geschleppt – „das war am vierten Tag, da stand es auf der Kippe!“ Doch er ging weiter. Übernachtet haben sie alle drei vom Campingplatz über Matratzenlager, Stockbetten in Auberges und Jugendherbergen bis zum Viereinhalb-Sterne-Hotel. Mit unterschiedlichen Auswirkungen: Thomas Rausch will auf solchen Strecken nie wieder in ein Hotel gehen, doch auch der voll belegte Raum mit 61 Betten hatte ihn einmal morgens um 7 Uhr flüchten lassen.

Die anderen Beiden haben daraus gelernt, „zu alt“ für ganz einfache Herbergen ohne sanitäre Anlagen im Zimmer zu sein. Nur wenig war vorgebucht, da ihnen die Tagesleistungen – im Nachhinein durchschnittlich 20 bis 25 Tageskilometer – nicht klar waren.

Die Ruhe unterwegs: Pilgerreise ist mehr als Lifestyle

Hat es sich gelohnt? Die Antwort ist ein einmütiges überzeugtes „Ja“. „Santiago ist wie eine Droge; beim Laufen habe ich ein ganz anderes Gefühl. Die letzten 100 Kilometer hab ich in drei Tagen gemacht – es hat mich gezogen“, strahlt Thomas Rausch noch heute. „Es flößt Respekt ein. Hier wird man demütig“, fasst Arno Mieth seine Erfahrungen zusammen. „Vor allem, da im Heiligen Jahr hier alle Sünden vergeben werden. Mein Highlight war, dass ich es geschafft habe. Dazu kommen die emotionalen Momente auf dem Platz in Compostela. Als Pilger war ich stark beeindruckt; nach langer Zeit war ich dort erstmals wieder zur Kommunion.“ Neu war die Erfahrung, so viele Leute kennen zu lernen und zu jedem „Bon camino!“ zu sagen. „Und wir haben noch nie so freundliche Leute erlebt wie in Portugal.“

Werden sie sich noch einmal auf einen dieser harten, aber erfahrungsreichen Wege machen? Thomas Rausch kann es sich beruflich in diesem Jahr nicht leisten, wird aber weiter laufen. Ralf Schneider hat sich in Portugal verliebt: „Dieses Jahr werde ich vielleicht den portugiesischen Weg gehen, zehn Tage lang jeweils 26 Kilometer – das schaffe ich in 14 Tagen locker!“ Im April bereits wieder unterwegs sein wird Arno Mieth – 120 Kilometer Camino Inglés. Diesmal mit Ehefrau Sabine. „Sie läuft ausdauernder als ich, und es ist schon alles gebucht.“

Vielleicht ist dann wieder die Tafel Ritter Sport Haselnuss Schokolade dabei – er hatte sie den ganzen Weg als Notnagel und Seelentröster mitgeschleppt und nicht gegessen. „Ich hatte gar keinen Bedarf!“ Die Vorfreude ist groß. Das Laufen im Zeichen der Jakobsmuschel hat sie alle drei in Bann gezogen.

Quelle: op-online.de

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