Töpferhandwerk in Urberach

Tradition trifft auf Nachfrage

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Mehrmals in der Woche ihr Reich mit all den vielen Tonsorten und Glasierzutaten: Kunsthandwerkerin und Töpferkurs-Leiterin Petra Distler-Bäcker ist eine der letzten, die in der alten Töpferhochburg Urberach dieses Handwerk weitergibt.

Urberach - Das Töpferhandwerk hat in Urberach Tradition. Petra Distler-Bäcker hilft, sie am Leben zu erhalten. Die Hobby-Töpferin gibt Kurse bei der Volkshochschule. Sie erfreuen sich reger Nachfrage. Von Christine Ziesecke

Zwei Wochen lang sind es zur Zeit wieder ganz junge Lehrlinge, die in der Urberacher Werkstatt im Parterre des Töpfermuseums verschiedenfarbige Tonsorten kneten, zu kleinen Rollen, Brezeln, Männchen, Nilpferden oder Fabeltieren formen und dann gespannt aufs Trocknen und Brennen warten. In einiger Zeit werden sie ihre kleinen Kunstwerke dann abholen und vielleicht verschenken oder als Erinnerung aufheben können. Sie alle, soweit sie Freude am

Selbermachen und auch mal an schmutzigen Händen haben, erlernen die Grundlagen des alten Handwerks, sind Teilnehmer der vier Töpferkurse im Sommerferien-Programm der Stadt Rödermark. Angeleitet und kreativ inspiriert werden sie von Petra Distler-Bäcker aus Rodgau. Drei Kurse gibt die Hobby-Töpferin jede Woche in diesem Raum in der Volkshochschule für Erwachsene, dazu kommen vorweihnachtliche Workshops und manches mehr wie eben diese Ferienkurse innerhalb des RÖM-Kids-Programms.

„Früher waren das mehr ältere Frauen, die das Töpfern für sich als Ausgleich entdeckt hatten. Die kamen oft viele Jahre lang“, erinnert sich Petra Distler-Bäcker. „Aber inzwischen sind das vermehrt junge, oft ökologisch bedachte Menschen, die das selbst angebaute Gemüse gerne auch stilecht von eigenem Geschirr essen möchten.“ Alles, was in der Töpferstube herum steht, ist von ihr besorgtes Material, auch die vielen unterschiedlichen Tonsorten – obwohl es mittlerweile einige weniger sind als früher. „Als ich noch mein altes großes Auto hatte, konnte ich mehr einladen, da lohnte es sich auch, zum Einkauf in Keramikwerkstätten im Westerwald zu fahren. Heute kann ich nur noch wenig zuladen, da fahre ich eher in den Odenwald, doch da gibt es nicht so viele verschiedene Tonsorten.“ Für die Kinderkurse ist das ziemlich egal: da möchte sie nur die Unterschiede zwischen hellem, dunklem und mittlerem Ton erklären, und da wird auch nicht so verschiedenartig glasiert. „Oft kommen Menschen zu mir und wollen ihre eigenen Werkstücke bei mir brennen lassen – das geht leider nicht, weil der Brennofen nicht genug Kapazität hat.“

Neuer Fokus bei Küchen- und Essgeschirr

Zudem hat sie im Moment wenig Zeit – gemeinsam mit ihrem Mann und ihren erwachsenen Kindern sucht die Noch-Rodgauerin derzeit ein neues Grundstück für ein eigenes Haus, „doch das wird einem bei der momentanen Lage sehr schwer gemacht: Kommt man auch nur etwas später als die ersten Interessenten, sind bezahlbare Grundstücke vergeben – der Bedarf ist riesig.“

Vielleicht klappt es ja mal in Urberach – gerne würde sie auch den verstorbenen letzten traditionell arbeitenden Urberacher Töpfer Gerd Valentin Braun um diesen Titel „beerben“. Um 1910 war Urberach das Zentrum des hessischen Töpferhandwerks gewesen. 30 Töpfer gab es damals bei knapp 3000 Einwohnern. Urberach wurde zur Töpferstadt, weil es reichlich Ton gab. Im Wald Richtung Darmstadt, vor allem der Nähe der Thomashütte bei Messel, wurde der Ton in den sogenannten Tongruben gestochen und abgebaut. Noch heute sind im Wald die überwucherten oder gefluteten Gruben des Abbaus zu erkennen. Zeugnisse dieser Töpferzeit sind im Urberacher Töpfermuseum gleich über der Töpferei zu besichtigen.

Quelle: op-online.de

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