„Goldbauch“ glänzt wieder wie neu

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Ober-Roden - „Vor etwa zweieinhalb Jahren lächelte mich ein graues Etwas an“, schildert der Ober-Röder Logistikleiter Günter Birth den Anfang einer arbeitsreichen Beziehung. Von Christine Ziesecke

Das graue Etwas war ein Traktor, der jetzt als Schmuckstück durch den Ort tuckerte: ein „Ferguson Goldbauch FE35“, Baujahr 1957. Er gehörte einem früheren Schulkollegen, mit dem Günter Birth schon in seiner Kindheit auf eben diesem Gefährt saß.

Die Jahre waren dem Traktor deutlich anzusehen, so hatte jeder einen weiten Bogen um ihn gemacht; nun sollte er auf den Schrottplatz. „Traurig und verlassen stand er Jahr für Jahr im Regen, doch seine wundersame Erscheinung sowie seine runden anmutigen Formen regten meine Fantasie an, dieses schöne Gefährt zu restaurieren und in den Urzustand zu versetzen“, erinnert sich Günter Birth.

Genau 1 650 Arbeitsstunden später

Heute, genau 1 650 Arbeitsstunden später, ist das gute Stück mit dem eher bronzenen Goldbauch gerade frisch durch den TÜV gekommen, wo ihn ein selbst traktorbegeisterter Prüfer ehrfürchtig bestaunte. Gibt es von ihm doch nur noch etwa 15 bis 20 Stück in Deutschland – alle anderen sind als Ersatzteilträger verwendet worden.

Das Herz des „Ferguson Goldbauch“ bedurfte einer Totaloperation, damit es wieder schlagen - pardon: tuckern - konnte.

Auf was er sich da einließ, wusste Birth vorher nicht. Der Hobbymechaniker mit der unendlich geduldigen Familie nahm das alte Gefährt erst einmal gründlich auseinander, und wo er nicht selbst weiterkam, holte er sich Hilfe aus dem Internet. Dort gab’s immer jemanden, der ihm helfen konnte oder der wusste, wo es jemanden gibt, der es weiß. So gelang es Günter Birth, praktisch alles alleine zu machen.

Das Baujahr ist noch in Originalschrift erkennbar

Das Baujahr 1957 ist noch in Originalschrift erkennbar. Der Bastler hat es beim Spritzen ausgespart und nachträglich mit Klarlack gesichert; für den „Ferguson“-Schriftzug, der nirgends mehr im Original erhältlich war, hat er eigens Folien herstellen lassen, „weil bei den auf dem Markt befindlichen die Streifen nicht in der alten Originalbreite sind“ – Gründlichkeit war schon immer seine Stärke.

So ist er auch beim Bearbeiten des Motors vorgegangen: „eine richtige Kraftmaschine, alles massiv, die läuft und läuft und läuft“. Und das bis zu 20 Stundenkilometer schnell. „Ferguson hat damals eine Vorkammereinspritzung verwendet, bei der ein Gemisch aus Diesel und Benzin ganz fein verwirbelt wurde und deshalb besser zündete“, ergötzt sich Günter Birth an technischen Details. Von der Einspritzpumpe mit vier Zylindern bis hin zu den schönen runden schwarzen Lampen, deren Korpus restlos erhalten blieb und die nur im Innern eine neue Elektrik bekamen (allein das waren zwei Wochen Arbeit), erhielt die gesamte Technik eine neue Elektronik.

„Ich fahr damit zum Frisör und zum Eisessen“

Alle Schrauben sind „zöllig“ und nicht auf Zentimetern basierend. Teure Folge dieser Messweise: Günter Birth musste sie in England bestellen.

Nach dem Spritzen mit Goldlack hing Günter Birth die Einzelteile zum Trocknen auf die Leine.

Was er heute mit dem Traktor auf seinem vergleichsweise kleinen Grundstück am Waldrand des Breidert macht? „Ich fahr damit zum Frisör und zum Eisessen, aber nur bei schönem Wetter und wenn die Luftfeuchtigkeit stimmt!“ Es ist kein Nutzfahrzeug mehr, aber es fällt sehr positiv auf, und Günter Birth wünscht sich für Ober-Roden bald eine Traktorschau. So wie sie in „vielen anderen ländlichen Gegenden“ ausgerichtet wird, nämlich in Verbindung mit einem Erntedankfest zum Beispiel, mit Strohballen in den Straßen und Kinderbelustigung - traditionell wie in Nordfriesland etwa. „Und dazwischen Traktoren und Kutschfahrten!“, schlägt Birth vor. Bis dahin aber fährt er erst mal weiter zum Haareschneiden damit und hupt mit der absolut schräg klingenden Originalhupe; ansonsten steht der Goldbauch in der Garage – und das Auto dafür unterm Carport. Zu sehen gibt’s den FE 35 auch auf You Tube unter Günter Birth.

Quelle: op-online.de

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