TSC-Paar will bei WM vorne sein

+
Aurelia und Heinz-Josef Bickers starten am Ostersamstag bei der Weltmeisterschaft in Barcelona.

Ober-Roden ‐ Daumendrücken für das Vorzeigepaar des Tanzsportclubs Rödermark. Aurelia und Heinz-Josef Bickers starten am Ostersamstag bei der Weltmeisterschaft in Barcelona. Heute Mittag geht der Flieger Richtung Katalonien. Von Michael Löw

Dabeisein ist für die Bickers' nicht alles. „Vor uns liegt ein langer Turniertag, der morgens um 9 beginnt und hoffentlich erst um Mitternacht endet“, macht Heinz-Josef Bickers klar, dass er zusammen mit seiner Frau das Finale in den Standardtänzen anpeilt.

Das TSC-Paar hat unter anderem in Italien für die WM trainiert, in der heißen Phase ging‘s drei Mal pro Monat nach Bologna. 1000 Kilometer einfache Strecke für ein Training? Da bedarf es vielleicht einiger erklärender Worte. Heinz-Josef (45) und Aurelia (44) Bickers tanzen seit 1996 zusammen - auf hohem Niveau. Er zieht einen Vergleich mit dem Fußball: Bundesliga, knapp unter Champions-League-Niveau. Der Bayern-Fan weiß, dass das in der Regel zwar fürs Viertelfinale, aber selten für mehr reicht.

Zwei Personaltrainer kümmern sich um das TSC-Paar

Den Bickers' ging es ähnlich. „Wir haben vor drei Jahren beobachtet, dass jüngere Paare plötzlich links und rechts an uns vorbei zischten“, schildert Aurelia Bickers den Knackpunkt ihrer Karriere. Das Paar musste zwischen Stillstand und Weiterentwicklung wählen und entschied sich für ein Schwerpunkttraining in Italien. Nirgendwo in Europa sind die Methoden ausgefeilter.

Denn ausgerechnet im angeblichen Mutterland des Dolce Vita genießt der zweite Teil des Wortes Tanzsport größte Bedeutung. Aurelia und Heinz-Josef Bickers ließen ihre Sprungkraft messen und Schweiß treibende Ausdauertests über sich ergehen. Ganz wichtig ist das klassische Krafttraining. Zehn Tage vorm WM-Start wuchtete der 45-jährige Banker beispielsweise unzählige Male ein 80-Kilo-Gewicht mit einem Bein hoch. Während der Aufenthalte in Bologna kümmern sich zwei Personaltrainer um das TSC-Paar, einer ist ein ehemaliger Kickbox-Profi.

Das Training besteht nur zu 30 Prozent aus Tanztechnik, der weit größere Rest schult die körperliche und geistige Fitness. Heinz-Josef Bickers vergleicht die Anstrengung, die ein Tanz von ihm und seiner Frau fordert, mit der eines 400-Meter-Laufs. Erreichen sie ihr hochgestecktes Ziel, heißt das: fünf Runden zu je sieben Tänzen. Aurelia Bickers: „Zeigen Sie uns mal einen 400-Meter-Läufer, der seine Strecke an einem Wettkampftag 35 mal läuft!“

Tanzpaar ist aber auch ein Ehepaar

Die „Sprints“ Nummer 30 bis 35 sind die entscheidenden. Und auch da müssen Körperspannung und Mimik stimmen. „Bei guten Tänzern kommt das Lächeln von innen heraus. Nur weniger gute Tänzer müssen‘s trainieren“, lächelt Aurelia Bickers von innen heraus. Wer gekünstelt die Mundwinkel hochzieht, will ein Manko überdecken.

Lautes Lachen ist ein noch größerer Fauxpas, denn er konterkariert jede Etikette, die bei Tänzern doch so groß geschrieben wird. Heinz Josef Bickers kann nach einem Turniersieg ja auch keinen Miroslav-Klose-Salto schlagen, seine Frau darf kein imaginäres Baby vor der Brust wiegen, wie das der Brasilianer Bebeto nach einem Tor bei der WM 2002 zelebriert hatte. Gerade bei der Siegerehrung müssen Tänzer ihre Emotionen im Griff haben.

Deshalb tanzen Aurelia und Heinz-Josef Bickers auch nicht gegen andere Paare. Ihnen ist weit wichtiger, dass sie ihre Grenzen immer weiter nach hinten schieben. Da kann eine Endrunde, bei der alles stimmte, viel größere Freude auslösen als ein Turniersieg, bei dem sie - um ebenfalls wieder in der Fußballersprache zu bleiben - das Ergebnis nur verwaltet haben.

Bleiben die Erfolge aus, werfen Fußballvereine den Trainer raus, wechseln 400-Meter-Staffeln den einen oder zwei Läufer aus, suchen sich Doppelspieler im Tennis einen neuen Partner. Das Tanzpaar Bickers ist aber auch ein Ehepaar. Was tun, wenn einer der beiden den entscheidenden Schritt vergeigt? Gleich zum Scheidungsanwalt rennen? Schließlich gelten unter Insidern schon ganz normale Tanzkurse als härteste Belastungsprobe einer Ehe...

Bickers sind reine Amateure

„Sportliche Krisen lösen wir, indem wir darüber reden, die Fehler suchen und sie abstellen“, beruhigt Heinz-Josef Bickers. Der Haussegen hängt auch nach einem getanzten Patzer nicht schief.

Trotz Weltmeisterschaft am Wochenende und vielen internationalen Turnieren, bei denen sie sich mit Profis messen, sind die Bickers‘ reine Amateure. „Friseurbesuch, Schuhe, Kleid und Flüge - alles bezahlen wir aus eigener Tasche“, stellt Aurelia Bickers klar, dass Tanzen auf Champions-League-Niveau kein billiges Hobby ist. Sponsoring gibt‘s in diesem Sport nicht. Man stelle sich ein Ballkleid im Lila einer bekannten Schokolade oder einen Smoking voller Werbeaufnäher vor.

Der TSC Rödermark steuert indirekt ein paar Euro zur WM-Teilnahme bei, weil Aurelia und Heinz-Josef Bickers ihre italienischen Erkenntnisse als Trainer an die Paare ihres Heimatvereins weiter geben. Auch andere Paare aus dem Trainingszentrum in Bologna kommen in die TSC-Halle an der Plattenhecke, wenn sie zwischen zwei Turnieren ein paar Tage am Frankfurter Flughafen Station machen. Übers Rödermärker Parkett tanzt also des Öfteren internationale Klasse.

Quelle: op-online.de

Kommentare