Stammtisch in der „Rhönschenke“

Zweite Heimat am Tresen gefunden

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Stefan Glück, Norbert Gotta, Karlheinz Brehm und Joachim Kreis (von links) sind die „Handkässfresser 06“, denen Gaby Schnabel gern ein Bier zapft und nur mit Widerwillen das Essen serviert. Immerhin: Zubereiten muss sie das hessische Nationalgericht nicht, denn Stammtischbruder Stefan Glück ist auch Koch in der „Rhönschänke“

Urberach - „Handkäsfresser“, T&N-Rentner oder Kerbborsche: Gaby Schnabel bewirtet in der „Rhönschänke“ viele Stammtische und ist ein lebendes Personenregister, das auch ein schnelles Pils zapfen kann. Von Michael Löw 

Das Pils tranken Jonas Standhaft (nicht im Bild), Marcel Kugler, Michael Heinz und Johannes Hopf am späten Nachmittag tatsächlich nur dem Fotografen zuliebe: „Sonst hat das Bild ja keine Atmosphäre!“

Es gibt Stammtische, vor denen graust's sogar den Wirt beziehungsweise im konkreten Fall Wirtin Gaby Schnabel. Der nämlich entfährt nur ein entsetztes „Bäh!“, wenn die „Handkäsfresser 06“ ihre Leibspeise bestellen und die „Rhönschänken“-Chefin hämisch zum Essen einladen. Das gegenseitige Gekabbel gehört zum Stammtisch wie die Musik zum hessischsten aller Käse.  Gaby Schnabel hat die „Rhönschänke“ am 10. Dezember 1986 übernommen und wurde seither zu einem wandelnden Urberacher Personenregister. Hinterm Tresen hängt sogar eine zweiseitige Todesliste. In die hat Gaby Schnabel die Sterbedaten aller Gäste eingetragen, die ihr Glas für immer ausgetrunken haben. So makaber es auch klingen mag: Die Liste erfreut sich riesiger Beliebtheit. „Immer wieder werde ich von Vereinen oder Jahrgängen gefragt, wann der oder der gestorben ist“, erzählt die Wirtin.

Auch die Namen etlicher Stammtischbrüder stehen schon auf diesen Blättern. Seit 1994 petzen dort ehemalige Telenorma-Arbeiter ihren Schoppen. Die Runde ist inzwischen auf vier regelmäßige Kneipengänger jenseits der 75 Jahre geschrumpft, am Mittwoch waren"s gar nur noch drei. „Der Erich ist seit ein paar Tagen im Krankenhaus“, entschuldigt sich Hans Spanheimer. Er, der Erich - Jäger mit Nachnamen, Gustav Schubert und Egon Steiner haben jahrzehntelang gutes Geld im T&N-Apparatebau verdient. Hans Spanheimer fing mit 14 Jahren in der Ober-Rodener Straße an zu lernen und verließ das Werk als Rentner: „Wenn man hier einen Platz hatte, konnte man ein Leben lang bleiben!“ Das war auf Ewigkeiten eine unumstößliche Urberacher Arbeiterwahrheit - bis Bosch die T&N 1995 und 1996 innerhalb weniger Monate abwickelte. Da waren Spanheimer, Jäger, Schubert und Steiner schon „daheim“, wie sie das Rentnerdasein nennen.

Hauptgesprächsthema: Gartenarbeit

Erinnerungen ans Arbeitsleben sind kaum ein Thema. „Ab und zu trifft man auf der Straße einen früheren Kollegen und richtet schöne Grüße aus“, schildert Gustav Schubert eine der wenigen Ausnahmen. Dass die Stammkneipe nur einen guten Steinwurf vom Werk entfernt liegt, ist bloßer Zufall. Anfangs, da zählten noch Ober- und Nieder-Röder zur Runde, wechselten sie das Lokal. Seit die vier Urberacher unter sich bleiben, sind sie standorttreu.

Hans Spanheimer, Egon Steiner und Gustav Schubert haben früher bei T&N zusammen Telefonapparate gebaut. Seit sie Rentner sind, gehen sie zum Stammtisch.

Und weil die alten Herren längst zu ruhig geworden sind, um sich über die Handballer des BSC oder die Viktoria-Kicker zu ereifern, liefert die Gartenarbeit Gesprächsstoff. Gustav Schubert sieht die Sache voller Selbstironie: „Wir brauchen eine halbe Stunde fürs Bücken und eine halbe Stunde fürs Geradestellen.“ Von solchen Zipperlein sind Jonas Standhaft, Marcel Kugler, Michael Heinz und Johannes Hopf noch weit, weit entfernt. Sie kommen seit vier oder fünf Jahren zum Würfeln in die „Rhönschänke“. Aber nicht nur das Aufklatschen des Lederbechers auf dem Tresen lockt die Feuerwehrmänner, (Ex-)Kerbbosche und Mitglieder der Offenen Arbeit dorthin. „Bei der Gaby gibt"s immer was Gutes zu essen“, lobt Kugler und die Gelobte verspricht: „Ich seh schon zu, dass meine Jungs nicht verhungern!“ Ab und an serviert sie den Würflern nur Einheitskost. Nämlich immer dann, wenn die Jungmänner-Truppe auf 15 bis 20 anwächst und die kleine Küche ohnehin vor große Herausforderung stellt.

Redaktion sucht weitere Stammtisch-Geschichten

Für mindestens ein halbes Dutzend weiterer Stammtische ist die Raucherkneipe in der Bahnhofstraße die zweite Heimat geworden. Lilo Haag kommt regelmäßig mit einer Behindertengruppe, montags zecht eine reine Frauengruppe, und der älteste Stammtisch begleitet Gaby Schnabel seit der Eröffnung.

Doch mit keinem ihrer Gäste kabbelt sie sich so gern wie mit den „Handkäsfressern 06“, die sich als solche gegründet haben, „weil unsere Wirtin ja so gerne Handkäse isst“, schildert Joachim Kreis seine Version der Entstehungsgeschichte. Die entlockt der Wirtin wieder einmal ein „Bäh!“. Dabei wollen Kreis, Robert Schmidt, Karlheinz Brehm und Norbert Gotta aus Ober-Roden, dem die Orwischer Stammtischbrüder eine Green Card für den Grenzübertritt ausgestellt haben, doch nur Hessens kulinarische Tradition hoch halten. Was sie - im Gegensatz zu anderen Handkäsfreunden - auch daheim dürften. Aber da sagt bei der Bestellung niemand „Bäh!“.

Am Stammtisch wird viel mehr als die berühmt-berüchtigte Politik gemacht, die seinen Namen trägt. Unsere Zeitung sucht deshalb Ober-Röder oder Urberacher Stammtische, die sich schon seit Jahrzehnten treffen oder eine originelle Geschichte haben. Wer seinen Schoppen mit Sport-, Gesang- und Musikfreunden, früheren Schulkameraden oder nach getaner Arbeit petzt und unserer Zeitung etwas zu erzählen hat, darf uns gerne anrufen (06106/3046) oder eine E-Mail schicken (red.rodgau@op-online.de).

Quelle: op-online.de

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