Hort des Häfnerhandwerks

Vor 35 Jahren wurde aus dem ehemaligen Faselstall das Töpfermuseum

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Im Töpfermuseum ist weit mehr als tönernes Geschirr zu sehen. Patricia Lips, seit 1993 Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, zeigt Ziegenbock „Hannes“, den vermeintlich letzten seiner Art im ländlichen Urberach. Karlheinz Sturm hat ihn geschnitzt.

Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre hatte die Stadt noch Geld und machte ihren Bürgern, besonders den Urberachern, ein Kerbgeschenk.

Urberach – Die erste verkehrsberuhigte Straße wurde ebenso an einem ersten September-Wochenende eingeweiht wie das umgebaute Rathaus oder die Götterfiguren auf dem Festplatz. Und am 1. September 1984 kamen etliche Bürger zur Eröffnung des Töpfermuseums in die Bachgasse. Dessen 35. Geburtstag fällt mit dem 40. Geburtstag des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) zusammen. Der betreut das kleine, aber feine Museum seither ohne Unterbrechung ehrenamtlich.

Schon 1970 hatte der Bürgerblock Urberach erstmals die Idee eines Heimatmuseums ins Gespräch gebracht. 270 Gegenstände aus dem Töpferhandwerk waren vorhanden, die passenden Ausstellungsräume fehlten. Fachwerkhäuser in der Erlen-, Rats- und Bachgasse wurden in Augenschein genommen. Aber Kauf und/oder Renovierung waren zu teuer. So steht"s im Protokoll der ersten Sitzung der Heimatkommission vom 7. Mai 1979.

Das ehemalige Rektorhaus in der Töpferstraße war kurzzeitig als Standort im Gespräch. Doch das hätte der HGV allenfalls zähneknirschend als „Ersatzlösung“ akzeptiert. Denn der Vorsitzende Reinhard Berker und seine Mitstreiter hatten schon früh ein Auge auf den einstigen Faselstall in der Bachgasse geworfen.

Dort wurden schon seit den Fünfzigerjahren keine Kühe mehr besamt. 15 Jahre später war der Backsteinbau die Kinderstube der außerparlamentarischen Opposition im beschaulichen Urberach. Die „Gruppe Y“ okkupierte ihn und richtete ihn als Jugendtreff her. Unter den politisch Aufmüpfigen war ein junger Jurist: Roland Kern.

Der Urberacher Faselstall in der Bachgasse wurde 1906 gebaut. Bis weit in die Fünfzigerjahre hinein sorgten kräftige Bullen für Nachwuchs unter den Rindviechern des Orts. 1970 machte die „Gruppe Y“ den Backsteinbau zum Jugendzentrum, 1984 der HGV zum Museum.

Die unbequeme Jugend fand in der Halle Urberach eine neue Heimat. Der Ex-Faselstall war frei für den pflegeleichten Heimat- und Geschichtsverein. Bescheidene 150 000 Mark bewilligte die Stadt für die Renovierung. Trotzdem wurde der Bau ein Schmuckstück.

Im Untergeschoss befinden sich die Töpferwerkstatt, ein kleines Büro, eine Kerbecke und Vitrinen, die über die Entwicklung des Häfnerhandwerkss, Tongewinnung und den Handel mit irdenem Geschirr informieren. Dazu kommen Exponate aus Urnengräbern auf der Bulau und dem Häsengebirge, die die frühe Besiedlung Urberachs dokumentieren: Schließlich trug das Museum lange den Arbeitstitel Heimat- und nicht Töpfermuseum.

Besonders stolz ist die heutige HGV-Vorsitzende Patricia Lips jedoch auf den oberen Schauraum. Unter freigelegten Fachwerkbalken steht Alltags- und Festtagskeramik aus Urberacher und Eppertshäuser Töpfereien. Eine Schaufensterpuppe in der Handwerkertracht des späten 19. Jahrhunderts sitzt an einer Töpferscheibe und vermittelt Besuchern, wie ein formloser Lehmklumpen zur Vase wird. Die Geschirr-Sammlung wuchs im Lauf der Jahrzehnte immer weiter. Die meisten Stücke wie eine Kaffeekanne aus dem Jahr 1854 sind Leihgaben überwiegend Urberacher Familien. In den Vitrinen stehen aber auch Exponate aus Museen in Dieburg und Dreieich sowie aus befreundeten Töpfereien.

Unterm Dach finden Ausstellungen, Lesungen, Vorträge und die Versammlungen des HGV statt. Von 1984 bis 2016 lasen Gertrud Schachermayer, Veronika Pettirsch-Huder, Robert Koch, Marlies Lang und Reinhard Stahn im Winter Märchen vor. Mangels Nachfrage mussten sie aufhören.

Seit 1997 darf im Töpfermuseum sogar geheiratet werden.

Von Michael Löw

Quelle: op-online.de

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