DDR-Schauspielerin Friederike Nedelmann

Rotz und Wasser geheult

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Die Schauspielerin Friederike Nedelmann kam erst 2004 in den Westen und ist dankbar, in einem westpolitisch geprägten Elternhaus aufgewachsen zu sein. Sie wusste, was auf sie zukam mit der Wende.

Urberach - Geboren in Thüringen, heute Theaterfrau in Urberach: Eine Frau zwischen zwei Welten? Unsere Mitarbeiterin Christine Ziesecke sprach mit Friederike Nedelmann anlässlich 25 Jahren Mauerfalls über ihre persönlichen Mauern und wie sie diese im Lauf der Zeit abgebaut hat.

Wie haben Sie die Mauer als DDR-Bürger und als Privatmensch erlebt?

Vor der Wende war ich drei-, viermal zu Verwandtenbesuchen im Westen gewesen, bei Oma oder Onkel, die schon früher „schwarz“ über die Ost-/Westgrenze gegangen sind. Aber ich komme aus einer ungewöhnlich bürgerlich geprägten und politisch hoch interessierten Familie. Wenn meine Eltern hätten wählen können, wären sie als Sozialdemokraten im Westen aufgewachsen. Ich bin mit politischen Debatten, mit dem Auslandsjournal im Westfernsehen und mit Übertragung von Bundestagsdebatten aufgewachsen. Journalisten wie Löwenthal im Westen und von Schnitzler im Osten waren Alpträume für uns. Wir haben nie Ostnachrichten geguckt. Ich hab schon Pickel gekriegt, wenn die Vorspannmusik losging.

Das erschwerte Ihren Alltag doch eher?

Dank der politischen Informationen habe ich bei der Wende eine gute Grundlage gehabt. Ich war selbst für den Sozialismus, habe aber schnell gemerkt: das wird nichts, der Mensch ist nicht dafür gemacht. Es wird immer Menschen geben, die die Macht haben – das ist keine gute Grundlage. Also musste ich anerkennen: wir kriegen jetzt den Kapitalismus. Der ganz persönliche Nachteil war: die gesamte Utopie war nun weg! In der Schule hatten wir schon gelernt: es wird nicht gerechter als im Sozialismus zugehen – aber mit mehr Freiheit, die ich nicht missen möchte. Dennoch war der Verlust der Utopie schwierig.

Wie haben Sie den berühmten 9. November erlebt?

Zur Zeit der Maueröffnung habe ich mit meinem ersten Mann, einem Schauspieler, in Eisenach gelebt. Er spielte Theater in Rudolstadt. Von der Wende erfuhr ich während einer Diskussion nach einer Theatervorstellung am Abend des 9. November: „Santerre“, eine Geschichte rund um die Französische Revolution, in der schon viel Gegenwart versteckt war. Wir saßen danach im „Schminkkasten“, als jemand hereingestürmt kam: „Die Mauer ist offen“. Ich habe die ganze Nacht vor dem Fernseher gesessen und Rotz und Wasser geheult.

Was bedeutete das für Sie?

Maueröffnung hieß für mich: ich muss raus und die Welt entdecken. Nach der Wende und der Trennung von meinem ersten Mann bin ich erst richtig ins Leben gekommen. Seit 2001 bin ich mit Oliver zusammen und aus der offenen wurde die geschlossene Zweierbeziehung.

Das positive DDR-Erbe für Sie persönlich?

Ich kann aus allem etwas machen! Ich kenne mich mit Bohrmaschinen ebenso aus wie mit anderem; ich probiere alles erst mal selber aus, um jetzt erst langsam zu lernen, dass Handwerker auch ihre Vorteile haben. Meine Liebe zur Literatur war im Osten die Nische, wo man zwischen den Zeilen immer etwas über die Gegenwart erfahren konnte. Theater, Film, Literatur als Informationspool. Westfernsehen hatte immer eine ungeheuere Wertigkeit. Ich bin heute noch jenen Journalisten dankbar, die uns das Gefühl vermittelten, nicht ganz vergessen zu sein. Ich habe im Prinzip im Westen gelebt, kannte mich mit der westlichen Staatsform aus. Der Osten hat mich nicht interessiert, weil eh alles sinnlos war.

…und das negative DDR-Erbe?

Nicht diskutieren und argumentieren zu können! Selbst die Studierten haben es im Osten nie gelernt, was hier in der Oberstufe etwa schon selbstverständlich war. Im Osten haben wir gelernt: ich komme weiter, wenn ich den Kopf eingezogen habe. Im Westen: wenn ich den Kopf herausstrecke! Für mich galt das weniger, ich war immer schon pink und türkis, laut und anders. Aber ansonsten ist die Prägung dort heute noch spürbar.

Was bedeutet Ihnen die Wiedervereinigung?

Ich bin unglaublich glücklich, dass diese DDR weg ist. Im Gegensatz zu manchen Anderen war ich froh, endlich raus zu kommen. Weltanschauung kommt von Welt anschauen. Dem Glück meiner Erziehung, dem politischen Bewusstsein verdanke ich, dass ich keinen Schock bekam beim Verlust des Sozialismus. Ich habe schon geahnt und eigentlich sogar gewusst, was da auf mich zukommt, dieses „Im Westen liegt die Butter auch nicht auf der Straße und die Wasserhähne sind nicht golden!“ Ich hatte die Erwartungen nicht hoch geschraubt.

Was ist für Sie die schönste Art der Wiedervereinigung?

Dass sowohl ich als auch meine beiden Töchter und meine Mutter in zweiter Ehe, alle aus dem Osten der Republik, alle mit „Wessis“ verheiratet sind!

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Quelle: op-online.de

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