Glaubensgrenzen gab es nicht

Urberacher Juden weihten vor 135 Jahren neue Synagoge ein

So könnte es am 18. August 1882 ausgesehen haben, als jüdische und katholische Urberacher zur Einweihung der neuen Synagoge zogen. Die Zeichnung stammt aus dem Buch „Die verlorenen Nachbarn“ von Elfriede Lotz-Frank, Horst-Peter Knapp und Norbert Cobabus.

Urberach - Die frühere Synagoge in der Bahnhofstraße soll wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken. Die Stadt will vor dem Haus, in dem die Urberacher Juden bis 1938 beteten, eine Gedenktafel nach dem Vorbild der Stolpersteine verlegen. Anlass ist der 135. Weihetag. Von Michael Löw

Der 18. August 1882 war nicht nur für die jüdischen Bürger Urberachs ein großer Tag. In der Viehweidstraße, der heutigen Bahnhofstraße, weihten sie ihre neue Synagoge ein. „Der Festakt begann mit einem Umzug von der alten Synagoge in der Bachgasse unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und ´Teilnahme der katholischen Kirche St. Gallus“, schreiben Elfriede Lotz-Frank, Horst-Peter Knapp und der 2013 verstorbene Historiker Norbert Cobabus in ihrem Buch „Die verlorenen Nachbarn“ (Daraus stammen auch die historischen Informationen dieses Artikels.). Der halbe Ort war beflaggt, als der Festzug mit Blasmusik und dem Darmstädter Rabbiner Dr. Marx an der Spitze durch die Straßen zog.

Die jüdischen Gemeinden in Urberach und Ober-Roden hatten seit 1795 eigenständige Synagogen beziehungsweise Schulen. Sie befanden sich meist in großen Räumen eines Privathauses. Die erste Urberacher Synagoge war in der Bachgasse 4. Dieses Gebäude wurde als das „Storchennesthaus“ bekannt, dem der Heimatdichter Nikolaus Schwarzkopf eine kleine Geschichte gewidmet hat. Vermutlich enthielt es in einer hinteren Ecke auch eine einfache Mikwe, das jüdische Ritualbad.

Zwischen 1881 und 1882 haben die Urberacher Juden neu gebaut - in der Viehweidgasse 39. Die wurde unter den Nazis zur Hindenburg- und nach dem Krieg zur Bahnhofstraße.

Aussehen und Grundriss konnten Lotz-Frank, Knapp und Cobabus nur in etwa rekonstruieren. Zu oft wurde das Gebäude verändert. Fest steht, dass unterhalb des Giebels ein Davidstern in die Mauer eingelassen war. Gegenüber des Eingangs, auf der Ostseite, war der Thoraschrein. So richtete sich bei Gottesdiensten und Betstunden der Blick der Besucher immer nach Osten. Bänke gab’s übrigens nicht, die Leute mussten stehen. Die Mikwe wurde von reinem Quellwasser aus einem Brunnen gespeist.

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Über den religiösen Alltag der „Verlorenen Nachbarn“ ist relativ wenig bekannt. Einiges weiß man dagegen über das Ende der Urberacher Synagoge. Schon Anfang der 1930er Jahre fehlte es der Gemeinde an Geld, um das Bethaus zu renovieren. Max Strauß, der letzte Gemeindevorsteher, gab sein Amt im Frühjahr 1933 auf - nur wenige Monate, nachdem die Nationalsozialisten die Macht an sich gerissen hatten. Im März 1938 stellte die vermutlich nur noch weniger als 20 Gläubige zählende und hoch verschuldete Urberacher Gemeinde beim Bezirksrabbinat Darmstadt den Antrag, die Synagoge verkaufen zu dürfen. Ein Urberacher Bürger kaufte sie und baute sie zum Wohnhaus um. Als solches wird es heute noch genutzt.

Seit 2015 befassen sich Magistrat und Ältestenrat intensiv mit der Frage, wie die Stadt der früheren Synagoge gedenken kann. Bürgermeister Roland Kern suchte das Gespräch mit den jetzigen Eigentümern Benden und Kraus. Die stimmten im Februar der Verlegung einer Gedenkplakette zu.

Quelle: op-online.de

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