Dem Vergessen entreißen

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Zunächst etwas widerwillig legt Reiner R. (70), seit zwei Jahren im Haus Morija in der Gruppe Mohn, seine Hand auf die Wurzelbürste, doch dann lässt er sich von Heimleiterin Sr. Dorothea Lakowitz an der Fühlwand weitergeleiten. Oft kommt über das Klimpern der Ketten, über das stachelige Gefühl einer Bürste, das Gespräch etwa über den früheren Beruf zustande.

Ober-Roden - (chz) PEA heißen sie im medizinischen Fach-Jargon, „Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz“ - dahinter verbergen sich Menschen mit dementieller Erkrankung oder beginnender Demenz.

Im Altenpflegeheim Haus Morija, das 106 Dauerpflegeplätze, dazu neun Kurzzeit- und bis zu sechs Tagespflegeplätze hat, trifft diese Diagnose auf mehr als die Hälfte aller Bewohner zu.

26 davon leben in der beschützten Wohngruppe Mohn im Erdgeschoss, dazu kommen jeweils drei Tagespflegegäste. Wie alle Bewohner des Hauses bekommen sie neben der professionellen Pflege und sehr viel Nächstenliebe. Und sie erhalten vor allem Anregungen vermittelt, die ihnen helfen, über die Wahrnehmung Erinnerungen zurückzubringen und damit auch positiven Gefühlen Platz im vergesslichen Körper einzuräumen.

Dazu lädt in der Gruppe Mohn etwa eine Erinnerungsecke ein, in der eine Fülle hauswirtschaftlicher Gegenstände vom Sieb bis zur Schreibmaschine, aber auch etwa in den Jugendjahren der meisten Bewohner trendige Garderobe und vieles mehr, ausgestellt und erlebbar ist.

Um die für dementiell Erkrankte so nötige Sinnesförderung noch zu erweitern, wurde in den letzten Wochen von ehrenamtlichen Kräften die Idee von Stations-Schwester Dagmar, Mitglied der Christusträger-Schwestern, umgesetzt: eine Tast-Fühl-Wahrnehmungs-Wand entstand.

Vier ansprechende massive und griffige Holztafeln wurden dazu mit verschiedenen Tast-Gegenständen bestückt. Schwerpunktmäßig entstanden daraus zwei „Männer-“ und zwei „Frauenseiten“: Pinsel, Bürsten, Schuhputzbürstchen, Sandpapier, Schrauben, Muttern, Ketten (wegen des Geräuschs) auf der einen Seite; Täschchen, Stoffe, Fingerhut und Garnröllchen, Schnur, Wolle, Garne, Nähmaschinenschiffchen, viele verschiedene Knöpfe und Muscheln auf der anderen. „Samt fehlt noch!“ fällt Sr. Dagmar beim Tasterleben mit einer Bewohnerin M. G. auf - das wird rasch geändert werden.

Frau G. stoppt ab und zu beim Tasten über die Elemente, versucht die aufkommende Erinnerung in Worte zu fassen, ein leichtes Lächeln huscht über ihr sonst sehr ernstes, aber letztlich teilnahmsloses Gesicht.

Ziel der Fühl- und Tastwand ist die Förderung und Stimulanz verschiedener Wahrnehmungstypen im kranken Menschen: die „taktile Wahrnehmung“ - mit den Händen oder Fingern ertasten, erfühlen und ergreifen; die visuelle Wahrnehmung - sehen , beobachten, verschiedene Formen und Farben benennen und erkennen; die auditive Wahrnehmung - hören, verschiedene Geräusche wahrnehmen und erkennen.

Auch alleine können die Bewohner diese Wand be-fühlen, doch vorgesehen ist vor allem, gezielt mit einer Betreuerin, mit einem Zivildienstleistenden die Elemente zu betasten. Das bleibt nicht ohne die gewünscht positiven Ergebnisse. Denn oft kommt über das Klimpern der Ketten, über das stachelige Gefühl einer Bürste, über die seidenweiche Oberfläche eines Stoffstücks das Gespräch etwa über den früheren Beruf zustande.

Quelle: op-online.de

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