Versuchshund erholt sich in Ober-Roden

Das Leiden im Labor hat ein Ende

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Ganz verschüchtert hockt Gizmo, der in einem niederländischen Versuchslabor geboren wurde, in seinem Körbchen. Melanie Schwab und ihre Eltern haben viel Geduld gebraucht, bis der Beagle Vertrauen zu ihnen gefunden hat.

Ober-Roden - Versuchshund Gizmo hat in Ober-Roden ein glückliches Zuhause gefunden. Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ kaufte den kleinen Beagle aus einem Labor an der niederländischen Grenze frei, übers Tierheim Egelsbach kam er zur Familie Schwab. Von Michael Löw

Gizmo wurde im Oktober 2009 als Buchstaben-Kürzel „CUI“ im Labor geboren. Was das arme Kerlchen alles erdulden musste, wissen Horst und Edeltraud Schwab und ihre Tochter Melanie nicht. Sie sind auf Vermutungen angewiesen: „Er hat immer noch Angst vor einer dunklen, tiefen Stimme.“

Ehemalige Versuchshunde gelten im Vergleich zum normalen Tierleben als schwer integrierbar, sagt Michaela Reimers von „Vier Pfoten“. In den Laboren fehlt in der Regel jeder soziale Kontakt, der das Hundedasein erst lebenswert macht - von den quälenden Tests für Medikamente, Kosmetika oder Chemikalien ganz zu schweigen. Gizmo wusste deshalb nicht, wie sich Gras unter seinen Pfoten oder Regen auf seinem Fell anfühlt. Und vor raschelnden Blättern ist er noch lange nach seiner Befreiung zusammengezuckt.

Zum geliebten Familienmitglied geworden

Drei Monate lang mussten die Schwabs täglich nach Egelsbach fahren, damit sich Gizmo an seine künftigen Besitzer und an so Alltäglichkeiten wie Gassi gehen gewöhnt. „Vier Pfoten“ will mit solch harten Auflagen sicherstellen, dass Versuchshunde nicht vom Regen in die Traufe kommen. Horst Schwabs Fazit nach etlichen Stunden im Tierheim: „Die Geduld hat sich rentiert!“

Der Beagle ist zum geliebten Familienmitglied geworden, dem man seine kleinen Macken gern verzeiht. Zum Beispiel hat er aus Langeweile Horst Schwabs Personalausweis zernagt. Doch Melanie Schwab und ihre Eltern freuen sich über Gizmos Fortschritte. Er schafft"s jetzt, auch mal sechs Stunden allein daheim zu bleiben und verträgt sich sogar mit Nachbars Katze.

Wichtig sind ihm Rituale; einfach mal Gassi gehen ist nicht. Edeltraud Schwab muss da immer erst mal die Leine ins Körbchen legen. Die beschnupperte Gizmo anfangs eine geschlagene Viertelstunde, erst dann ließ er sich nach draußen führen. Aber auch diese Zeiten hat er inzwischen kräftig reduziert.

Beagles sind sanftmütig und anhänglich

Die Tierschützer von „Vier Pfoten“ haben Gizmo jetzt zum Gesicht ihrer Kampagne gegen Tierversuche gemacht. Seine treuen Augen blicken demnächst von Postern und Leinwänden und erinnern daran, dass immer noch tausende Beagles in Versuchslaboren leiden.

Womit der traurige Teil dieser Geschichte beginnt.

Beagles sind sanftmütig und anhänglich, Aggressivität ist ihnen fremd. Diese Charaktereigenschaften machen den Hund zu einem „praktischen Modell“ für Versuchslabore. Nach den Recherchen von „Vier Pfoten“ mussten 2010 in Deutschland 3 004 Hunde für Tierversuche herhalten, in der Europäischen Union sind es mehr als 21 000.

Deutschland ist eines der drei EU-Länder, die die meisten Hunde, am häufigsten Beagles, im Labor halten. Doch sie leiden nicht etwa bei der Entwicklung lebensrettender Medikamente, sondern für die Kosmetikindustrie. Diese Tests sind nach Ansicht von „Vier Pfoten“

größtenteils sinnlos, da es Alternativmethoden gibt, bei denen keine wehrlosen Tiere gequält werden müssen.

„In Europa werden alle Arten von Chemikalien und Medikamenten an den Hunden getestet – das reicht vom grünen Tee bis hin zum Klebstoff“, berichtet Marie-Claire Macintosh von der Tierschutzorganisation. Im außereuropäischen Ausland würden darüberhinaus hinaus weitere Tests an Tieren vorgenommen.

Melanie Schwab ist glücklich

„Vier Pfoten“ hat eine lange Liste „grauenhafter Tests“ herausgefunden: andauernde Zwangsfütterungen, Inhalation oft gesundheitsgefährdender Stoffe über Tage, Monate oder sogar Jahre hinweg. Als Folge leiden Gizmos Artgenossen dann an Vergiftungserscheinungen, Erbrechen, Krämpfen, Organversagen oder Lähmungen, die den Tod des Tieres hervorrufen können.

Im Gegensatz zu den EU-Richtlinien gibt es noch kein internationales Verbot für Tierversuche, sobald Alternativmethoden erforscht wurden. Das bedeutet also noch mehr unnötiges Leiden von Hunden in Versuchslaboren. Aber auch diese außerhalb der EU getesteten Produkte dürfen hier verkauft werden. „Vier Pfoten“ fordert deshalb ein Verkaufsverbot für die an Tieren getesteten Kosmetika bis zum Jahr 2013.

Melanie Schwab ist glücklich, dass ausgerechnet ihr kleiner Gizmo zum Botschafter solcher Kampagnen wird: „Tierversuche passieren genau vor unserer Nase. Da dürfen wir nicht einfach wegsehen.“

Quelle: op-online.de

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