Mut hat viele Gesichter

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, stürzt sich Alessandro Piroddi (kleines Foto) nach dem Horrorunfall in den umgestürzten Fiat und befreit eine Frau und drei Kinder aus dem Wrack. Zu den vielen Helfern dieses Nachmittags zählt auch eine junge Malerin (3. von rechts auf dem großen Foto), deren Name unserer Zeitung leider verborgen blieb. Fotos: Bernd Georg, Michael Löw

.

Von

Michael

Löw

Held - das klingt nach dem einsamen Cowboy, der ganz allein eine Gangsterbande zur Strecke bringt, oder nach James Bond, der mal eben schnell die Welt rettet. Der Helden-Begriff steckt voller Klischees und Falschdeutungen.

Aber wie soll man sonst jemanden nennen, der ohne Zögern in ein umgestürztes Auto voll blutender Kinder springt oder einem leblosen Jogger seinen Atem in den Mund bläst, obwohl der voll mit Erbrochenem ist? Da bleibt eigentlich nur das H-Wort. Denn sie haben Mut und Zivilcourage bewiesen, wo andere weggeschaut hätten.

Der Jahresrückblick ist daher den Rödermärker Helden des Alltags gewidmet; den tragischen wie den glücklichen, den kleinen, den zufälligen. Und denen, deren Heldentum uns ironisch schmunzeln lässt oder an Don Quijottes Kampf gegen die Windmühle erinnert.

Held der Straße: Was Alessandro Piroddi am Nachmittag des 6. Juni sieht, ist das blanke Chaos. Auf der L 3097 zwischen Ober-Roden und Rollwald steht ein zertrümmerter Hyundai, dessen Fahrer ins Feld läuft und dort zusammenbricht. Piroddi will eigentlich dem Mann zu Hilfe eilen, als er einen Fiat im Acker liegen sieht, aus dem verzweifelte Schreie gellen. Der 38-Jährige zögert keine Sekunde, sondern springt auf das Auto und zerrt so lange an der verklemmten Seitentür, bis er rein kommt. Er blickt auf blutende Kinder, die in ihren Sitzen und Gurten hängen.

Alessandro Piroddi blendet den Gestank nach verbranntem Plastik und den Qualm aus, steigt ins Auto und reicht einen Fünfjährigen nach draußen. Dort nimmt eine junge Malerin das Kind in Empfang. Zwei weitere verletzte Kinder und eine 44-Jährige befreit er aus dem Auto.

Als der Adrenalinstoß nachlässt, wird aus dem mutigen Retter ein weinender Mann. Jetzt erst wird ihm so richtig bewusst, was da überhaupt passiert ist: Zwei Autos sind frontal gegeneinander geprallt, ein Großaufgebot an Sanitätern, Feuerwehrleuten und Polizisten versorgt acht Schwerverletzte. Zwei Menschen müssen mit Rettungshubschraubern in Kliniken bis nach Ludwigshafen geflogen werden.

Er habe in diesen dramatischen Minuten immer die eigene Familie vor Augen gehabt, berichtet Piroddi später im Büro des Dietzenbacher Polizeichefs Klaus-Peter Daube. Der Held von der L 3097 hat nämlich selbst drei Kinder, seine Frau fährt ein ähnliches Auto wie den Unglücks-Fiat...

Traurige Helden: Alles richtig gemacht, und doch war’s vergebens: Hildegard Vetter-Dreyer und Matthias Krämer leisten am 23. Juni einem Jogger, der im Urberacher Wald zusammengebrochen war, vorbildlich Erste Hilfe, doch der 64-Jährige stirbt wenig später dem Notarzt unter den Händen weg.

Es ist ausgerechnet Hildegard Vetter-Dreyers Laufpartner, der nach achteinhalb Kilometern plötzlich ihren Namen schreit und leblos am Boden liegt. Hildegard Vetter-Dreyer beginnt mit der Herzmassage und schreit aus Leibeskräften nach Hilfe. Zwei weitere Jogger kommen dazu; eine Frau alarmiert per Handy den Rettungsdienst, Matthias Krämer packt bei der Wiederbelebung mit an. Er pumpt ohne einen Gedanken an Rippenbrüche zu verschwenden wie ein Verrückter und bläst dem Mann seinen Atem in den Mund.

Nur sieben Minuten nach dem Notruf sind die Profis vor Ort. Doch alles Knowhow und alle Hightech-Medizin helfen nichts, der Läufer stirbt.

Landrat Oliver Quilling, Kreisbrandinspektor Ralf Ackermann und Dr. Frank Naujoks, der leitende Notarzt des Kreises, ehren die tragischen Helden am 26. September im Kreishaus. Sie belohnen den Mut zum Handeln und wollen Hildegard Vetter-Dreyer und Matthias Krämer jene unausgesprochenen Zweifel und Selbstvorwürfe nehmen, die ein solch traumatisches Erlebnis hinterlässt.

Held wider Willen: Michael Störmer hätte auf diese Art von Heldentum gut und gerne verzichtet. Der Lufthansa-Manager, vielen Urberachern als Leiter der BSC-Tennisabteilung bekannt, sieht beim Jahrhundert-Erdbeben in Tokio die Hochhäuser schwanken und verhandelt trotzdem tapfer mit seinen japanischen Kollegen weiter. Denn die bleiben trotz der Katastrophe ganz cool, und da will sich Gaiijin (so bezeichnen Japaner westliche Ausländer) Störmer auch keine Blöße geben. Selbst als nach und nach das ganze Ausmaß von Beben, Tsunami und Reaktor-Unglück klar werden, behalten die Japaner ihre stoische Ruhe. Der zollt Michael Störmer größeren Respekt als den Krisenberichten deutscher Fernsehsender.

Helden mit stumpfer Lanze: Den Kampf gegen Windmühlenflügel nehmen Ullrich Janson, Joachim Michalik und Bardo Zöller auf. Die von der Diözese Mainz nach Urberach entsandten Berater sollen die zerstrittene St. Gallus-Gemeinde zumindest ein Stück weit wieder zusammenbringen. Doch die Flügel - um im Bild zu bleiben - drehen sich immer schneller. Viele Urberacher Katholiken reiben sich an Pfarrer Klaus Gaebler. Der verkündet erst, dass er die Gemeinde verlässt, und wenig später das Gegenteil. Und gespalten ist die Gemeinde nach wie vor in der Frage nach einem neuen Zentrum direkt neben der Kirche. Zuviel Herzblut hängt am Gallusheim.

Pflegende Helden: Unerkannt in unserer Mitte leben wahrscheinlich Hunderte von stillen Helden. Die Rede ist von jenen Frauen und Männern, die bis fast zur Selbstaufgabe schwer und schwerst kranke Angehörige pflegen. Die spüren oft nicht einmal mehr, was ihnen da Gutes getan wird. Unsere Zeitung war vor ein paar Tagen mit Caritas-Schwester Julia Meerheim unterwegs und durfte erfahren, wie in solchen Familien Nächstenliebe praktiziert wird. Sowas relativiert viele eigene Sorgen ganz gewaltig.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare