Rödermark

Viele Klischees prägen Alltag

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Im Kindergarten Lessingstraße im Urberacher Seewald haben zwei von drei Kindern einen Migrationshintergrund, in keiner anderen städtischen Tagesstätte liegt der Anteil höher. Vorlesestunden sind fester Bestandteil der Sprachförderung.

Rödermark - (lö) Knapp elf Prozent der Rödermärker sind Ausländer, 23 Prozent haben einen Migrationshintergrund - sprich: Sie gehören zu jenen Einwohnern, deren Familien seit 1950 zugewandert sind oder die mindestens ein Elternteil mit ausländischer Herkunft haben.

Dabei spielt es keine Rolle, ob sie einen deutschen Pass besitzen oder nicht. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen beschloss die Stadtverordnetenversammlung am 21. März 2007 die Aufstellung eines Integrationskonzeptes. Knapp ein Jahr später, im April 2008, begann eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Bürgermeister Roland Kern und dem Frankfurter Soziologen Tzehaie Semere mit der Entwicklung eines Leitfadens. Am Dienstagabend verabschiedete ihn das Stadtparlament einstimmig.

Das Konzept ist Zustandsbeschreibung und Handlungsanweisung zugleich. „Integration wird im privaten wie im öffentlichen Leben in vielen Bereichen nicht gelebt“, kritisieren die Autoren.

Die Arbeitsgruppe, der außer Kern und Semere auch Anne von Soosten-Höllings (KSV Urberach), Karin Jäger (Netzwerk Integration), Christine Mathews-Rexroth (Integrationsbüro des Kreises), Hüseyin Firat (Vorsitzender des Ausländerbeirats), Andreas Prohofsky (Geschäftsführer des Ausländerbeirats) und Thomas Mörsdorf von der städtischen Fachabteilung Zentrale Dienste angehörten, stellte unter anderem fest, dass die meisten Migranten in bestimmten Vierteln wie dem Urberacher Seewald wohnen. Das Alltagsleben werde von Klischees und Abstandhalten geprägt, weil die kulturellen Differenzen zu groß seien. Gegensteuern will die Arbeitsgruppe durch eine Aufwertung der Infrastruktur, den Einsatz von Mediatoren und Sozialarbeitern sowie gemeinsamen Projekten von Schulen und Anwohnern.

Migranten würden in Rödermark überwiegend als Türken wahrgenommen. Sie bilden die größte Ausländergruppe, sind dank des Deutsch-türkischen Freundschaftsvereins (DTF) von vielen Veranstaltungen bekannt und stellen den gesamten Ausländerbeirat.

Rödermärker Schulen und Kindertagesstätten seien den „Anforderungen von Integrationsarbeit personell und strukturell gegenwärtig nicht gewachsen“, lautet eine weitere Kernaussage der Arbeitsgruppe. Ungelöste Identitätsfragen führten bei Jugendlichen zu Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Damit widerspricht das Konzept zumindest teilweise dem DTF-Vorsitzenden Ali Ercan und NBS-Rektor Jochen Zeller. Sie hatten vorige Woche betont, dass junge Türken in Rödermark besser integriert seien als in Nachbarstädten. Im Sommer 2008 hatte kein ausländischer Jugendlicher die Nell-Breuning-Schule ohne Abschluss verlassen.

Die Arbeitsgruppe beackerte die Felder Soziales, Kultur, Vereine, Arbeit und Wirtschaft, Frauen und Bildung. Entsprechend lang ist der im Integrationskonzept geforderte Katalog an Verbesserungen. Sprachförderung soll ein erster Schritt sein. Das Parlament forderte in einem Ergänzungsantrag Deutschkurse in Kindergärten, Schulsozialarbeit, städtischer Jugendarbeit, Frauenförderung und Seniorenhilfe. Der Magistrat soll alle Zuschussmöglichkeiten von Kreis bis EU ausloten und erläutern, wie das Konzept mit Personal, aber ohne zusätzliche Stellen umgesetzt werden kann.

STATISTIK

In Rödermark leben Menschen aus 100 Nationen. 6 366 der 27 889 Einwohner haben einen Migrationshintergrund, 2 992 sind Ausländer ohne deutschen Pass. Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt 10,73 Prozent.

Den höchsten Anteil ausländischer Einwohner hat Urberach (12,96 Prozent), in Ober-Roden liegt er bei 9,39 und in Waldacker und Messenhausen bei jeweils 8,3 Prozent.

Der Ausländeranteil in Hessen liegt bei 13,9 Prozent.

999 Türken bilden die größte Ausländergruppe in Rödermark. In der Nationalitätenliste folgen die Staaten des ehemaligen Jugoslawien (481), Italien (207), Polen (204), Österreich (129) und Pakistan (72).

Die in Rödermark heimisch gewordenen Ausländer sind jünger als die deutsche Bevölkerung. 50,4 Prozent gehören der Altersgruppe 18 bis 45 Jahre an. Diese Altersgruppe bildet aber nur ein gutes Drittel der Deutschen. 19 Prozent der Deutschen, aber nur 8 Prozent der Ausländer sind älter als 65 Jahre.

In fünf der neun städtischen Kindergärten haben 30 bis 40 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Im Taubhaus, in der Liebigstraße und im Kinderhaus unter dem Regenbogen steigt dieser Anteil auf 45, in der Lessingstraße auf 65 Prozent.

Konkrete Zahlen für die Nell-Breuning-Schule lagen der Arbeitsgruppe nicht vor. Sie stellte jedoch in der Hauptschule überproportional viele ausländische Jugendliche fest.

Migranten sind auch in Rödermark häufiger arbeitslos als ihre deutschen Nachbarn (hier 18,8, dort 6,8 Prozent). Viele verdienen ihr Geld in schlecht bezahlten Jobs. lö

Quelle: op-online.de

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