Bauboom von Heimen und Alten-Tourismus

Viele Lücken in der Kurzzeitpflege

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Direkt neben der „Seniorenresidenz am Badehaus“ baut die Caritas ein Altenwohn- und -pflegeheim. Auf der anderen Seite der Ober-Rodener Straße feiert das „Artemed“-Seniorenstift morgen Eröffnung. Zusammen mit den Häusern „Morija“ und „Mamre“ und dem „Pflegepark Rödermark“ in Ober-Roden gibt es dann sechs Einrichtungen für alte, kranke und verwirrte Menschen.

Rödermark - Landauf, landab schießen Alten- und Pflegeheime wie Pilze aus dem Boden, Rödermark bildet da keine Ausnahme. Macht das Sinn?, fragten wir Renate Naumann.

Sie war viele Jahre Leiterin des städtischen Sozialdienstes und ist derzeit Vorsitzende der Seniorenhilfe, kennt sich also beruflich und im Ehrenamt aus. Sie vertritt einige durchaus provokante Thesen. So zum Beispiel die: Der Bauboom von Pflegeheimen ist immens. Solange die Aufsichtsbehörden dies genehmigen, werden die Träger bauen, was das Zeug hält.

Renate Naumann vertritt in Sachen Pflege und -heime provokante Thesen.

In Rödermark gibt es fünf Altenwohn- und Pflegeheime beziehungsweise Betreutes Wohnen. Die Caritas baut gerade das sechste. Braucht eine 27.000-Einwohner-Stadt so viele Einrichtungen?
Der Standort Rödermark besagt nicht, dass alle Pflegebedürftigen aus Rödermark hier untergebracht werden. Pflegebedürftige und deren Angehörige suchen den Heimplatz meist entsprechend ihrer finanziellen Verhältnisse aus, damit sie nicht zum Sozialhilfeempfänger werden. Die Konsequenz: Tourismus alter Menschen bis in den Osten unserer Republik und weiter. Natürlich sind die Heime in Rödermark für Bürger aus dem Hochtaunuskreis eine preiswerte Alternative.
Gibt’s in Deutschland überhaupt genug qualifizierte Pflegekräfte, um all diese Häuser zu betreiben? Oder haben wir bald hübsche Fassaden, hinter denen wenige Mitarbeiter das Siechtum verwalten?

In Deutschland fehlen Kräfte. 10.000 offene Stellen in der Altenpflege meldete jüngst die Bundesagentur für Arbeit. In einem Pflegeheim der Diakonie in Lauterbach sind ein Pfleger und ein Helfer für 40 Pflegefälle verantwortlich. Zum Vergleich: In Skandinavien und Großbritannien ist eine Pflegekraft für vier bis sechs Menschen verantwortlich.

Wäre es angesichts der immensen Kosten für einen Heimplatz nicht günstiger, Geld und Personal in die ambulante Pflege zu Hause zu investieren?

Bis zur Pflegestufe 2 könnte ein Patient meines Erachtens in seiner Wohnung bleiben, wenn die baulichen Voraussetzungen gegeben sind, oder Umbaumaßnahmen erfolgen können: behindertengerechtes Bad, ausreichend Türbreite, um mit dem Rollstuhl in die Wohnung zu kommen. Ab Pflegestufe 3 wird oft eine Rundum-Betreuung erforderlich, die von mehreren Personen erfolgen muss. Nach dem bisherigen Gebührenkatalog der ambulanten Dienste wird dies fast unbezahlbar. Die Pflegekassen müssten eine neue Stufe der Bezahlung einrichten.

Hier stößt die Pflege daheim also an ihre Grenzen?

Lassen Sie mich dazu ein paar Zahlen von 2011 erläutern. 2,5 Millionen Menschen waren in Deutschland hilfe- und pflegebedürftig. 1,7 Millionen von ihnen werden von Angehörigen versorgt. Im Kreis Offenbach werden 80 Prozent der 7 000 Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Knapp 60 Prozent der Pflegefälle werden ausschließlich von Angehörigen betreut. Ohne ambulante Pflegedienste, aber möglicherweise mit so genannten „Schwarzpflegerinnen“. In Deutschland geht man von 120 000 pflegenden Haushaltshilfen aus Osteuropa aus, im Kreis von 1000 nicht angemeldeten Helferinnen.

Nochmal zurück zu den demnächst sechs Rödermärker Heimen: Wird ihr Angebot allen Bedürfnissen gerecht?

Kurzeitpflege in Rödermark ist noch nicht so ausgebaut, dass in akuten Fällen (Angehöriger muss sofort in Krankenhaus) schnell ein Platz frei ist. Vor allem wenn es sich um einen Patienten handelt, der sehr „betreuungsaufwändig“ ist. Ebenso ist eine kurzfristige Urlaubsplanung für Angehörige kaum möglich.

In einem Mehrgenerationenhaus profitieren alte Menschen von der Power jüngerer Mitbewohner und die von der Lebenserfahrung der Senioren. Und alle treffen sich sonntags zum Kaffee im Garten. Eine Illussion oder ein praktikables Modell auch für Rödermark?

Hier gibt es schon eine Reihe von positiven Wohnprojekten. Dieser Personenkreis kennt sich meist schon lange und hat sich schon sehr früh mit seiner Wohnungssituation im Alter auseinandergesetzt. Aber das Gros der älteren Menschen wünscht sich eine Wohnung, die bezahlbar ist, eine Umgebung, in der man sich sicher fühlt und Kontakte mit Personen seiner Generation haben kann.

Ein Plädoyer fürs Mehrgenerationenhaus sieht anders aus...

Kurz gesagt wäre eine Renaissance der Altenwohnanlage. „Haus am Mühlengrund“ ideal: behindertengerechte Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen, die mit einer Notrufanlage versehen sind. Und einem Ansprechpartner, der ausschließlich für die Bewohner da ist. Diese Wohnungen werden nur für Bürger aus Rödermark vorgehalten. Aber das ist wahrscheinlich eine Vision! 

Quelle: op-online.de

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