Bildung, Erziehung, Respekt und Neugierde

Volkshochschule Rödermark: Vermittlung von Deutsch und Deutschland in den Kursen

Deutsche Sprache, schwere Sprache? Sabine Weimer vermittelt sie mit einem breiten Themenmix. Foto: Löw
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Deutsche Sprache, schwere Sprache? Sabine Weimer vermittelt sie mit einem breiten Themenmix.

Wie bringt man Zuwanderern Deutsch und Deutschland näher? Die Volkshochschule Rödermark hat zehn Integrationskurse im Programm, die sich an Menschen mit ganz unterschiedlichen Sprachkenntnissen wenden. Schon auf mittlerem Niveau geht"s um Bildung, Erziehung, Respekt und Neugierde – und komplizierte Fragen.           

Ober-Roden – Donnerstagabend, ganz kurz vor halb sieben: Die Krankenschwester aus Moldawien und der albanische Lagerarbeiter sprinten die Treppe des „Zehnthof“ hoch. Sie wollen pünktlich beim Kurs „Deutsch für Zuwanderer“ sein, der wenige Minuten später im Obergeschoss der Volkshochschule (Vhs) beginnt. „Das ist typisch“, sagt Frank Dörner, der Leiter der Vhs Rödermark. „Die Leute sind fast alle berufstätig und hetzen nach der Arbeit hierher.“ Hier Ziel: ein neues Leben in Deutschland aufbauen.

Das tun sie zielstrebig und mit großem Zeitaufwand. Ihr Kurs begann im August 2018, findet an drei Abenden pro Woche statt und umfasst 600 Stunden. Nach bestandener Abschlussprüfung erhalten sie das „Zertifikat Integrationskurs“. Es hilft bei der Arbeitssuche und beschleunigt die Einbürgerung. Die Prüfung ist dann schon nach sieben statt nach acht Jahren möglich.

Diese Fragen sind Teil des Einbürgerungstests. Der Deutschkurs der Volkshochschule bereitet die Teilnehmer auch darauf vor. Foto: Löw

Die Teilnehmer sind etwa zwischen 25 und 40 Jahren alt. Zwei kommen aus Marokko und China, die meisten aber aus dem Osten Europas: Albanien, Ungarn, Kroatien, Polen und Rumänien. So verschieden wie die Heimatländer sind auch die Berufe der Frauen und Männer: Ausbildung zur Pflegehelferin, Einkäuferin für die Gastronomie, Lagerhelfer, Produktionsarbeiter und Putzfrau. Nur einer ist ohne Job.

Sabine Weimer und Horst Holler vermitteln ihnen Deutsch und Deutschland. „Was ist der Unterschied zwischen Erziehung und Bildung“, fragt die Lehrerin und bringt damit selbst deutsche Muttersprachler kurz ins Grübeln. Unter ihren ausländischen Schülern herrscht lange Schweigen, das erst Frage Nummer zwei löst: „Wo findet Erziehung statt? In Familien, Kitas und Schulen?“ Das bringt Bewegung an den Tisch, auf dem unzählige Zettel mit Wörtern liegen, die den Oberbegriffen zugeordnet werden müssen.

Die Schüler lernen, dass es zwei Sorten von Neugier gibt – die gute im Sinn von Interesse und die schlechte: Wann kommt die Nachbarin nachts heim? Es ist nicht das einzige Mal, dass an diesem Abend gelacht wird.

Auch die 300 Fragen, aus denen 33 für den Deutschtest bei der Einbürgerung ausgewählt werden, sind Thema im Unterricht. Sabine Weimer und Horst Holler erklären die Verfassungsorgane der Bundesrepublik, stellen den Verfasser der Nationalhymne vor und machen ihren Schülern klar, dass Staat und Religion in Deutschland zwei Paar Stiefel sind.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert diese Kurse. Und kontrolliert sie streng. Jeder Teilnehmer muss sich Abend für Abend in eine Liste eintragen und bei Krankheit ein Attest vorlegen. Behördenmitarbeiter standen auch schon unangemeldet im „Zehnthof“. Frank Dörner: „Anfangs gab"s viele private Anbieter solcher Kurse, die Schindluder trieben.“ Deshalb wurden auch Volkshochschulen genau beäugt, ob wirklich genausoviele Menschen im Unterricht saßen, wie im Finanzierungsantrag standen.

VON MICHAEL LÖW

Quelle: op-online.de

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