Holger Jeucks Elektroauto ist beinahe familientauglich

„An solchen Tagen wird’s eng“

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Mit 80 Stundenkilometern ist Elektroauto-Fahrer Jeuck zumindest im Berufsverkehr kein rollendes Hindernis. Und an der Ampel ist der „Twizy“ für einen Blitzstart gut  

Waldacker - Das Elektroauto ist die Antwort auf Klimawandel, Abgasmief und Dieselskandal. Von Michael Löw 

Diesen Eindruck erweckt jedenfalls die Diskussion, die derzeit landauf, landab geführt wird und am Donnerstag durch die Entscheidung der chinesischen Regierung befeuert wurde, ab 2019 eine Quote für Elektroautos einzuführen. Holger Jeuck hat im Frühjahr einen stromgetriebenen Renault gekauft. Er tat’s aus Überzeugung und Überlegung, sieht aber auch die Schwächen der Technik und hat Träume.

Holger Jeuck aus Waldacker hat sich an Ostern einen abgasfreien Zweitwagen angeschafft. Für 6 000 Euro kaufte er einen gebrauchten Renault „Twizy“ mit Elektromotor. Der 2,33 Meter kurze Zweisitzer schafft mit einer Stromladung etwa 60 Kilometer und eine Höchstgeschwindigkeit von 83 Stundenkilometern. Das reicht, um im Berufsverkehr locker mitzuschwimmen. Und in den 31-Liter-Kofferraum passen sechs Tüten Milch, zwei Päckchen Mehl und ein Paket Müsli, hat Jeucks Sohn David bei einer Einkaufstour ermittelt. Der 13-Jährige ist auch von der Beschleunigung des „Twizy“ begeistert: „Mama und ich haben an der Ampel schon einen Jaguar abgehängt!“

Die Jeucks sind Überzeugungstäter in Sachen umweltfreundlicher Energie. Sie versorgen ihr Haus schon seit 20 Jahren mit Ökostrom. Als im Frühjahr die Frage nach einem neuen Zweitwagen anstand, haben sie aber genau abgewogen, ob der „Twizy“ ins Familienprofil passt: Beide Eltern sind in Frankfurt beziehungsweise Dreieich berufstätig, Holger Jeuck macht in Nieder-Roden Musik, die Söhne treiben in Langen Sport. Das kleine Elektroauto passte ins Familienprofil. Ncht zuletzt, weil mit einem VW-Bus ein „richtiges“ Auto für längere Strecken und mehr Mitfahrer im Carport steht. „Uns ging es darum, dort wo wir leben, keine Emissionen auszustoßen“, sagt Holger Jeuck.

2 800 Kilometer sind die Jeucks seit Ostern mit dem „Twizy“ gefahren. Holger Jeuck hat dem Minimobil eine ordentliche Portion Alltagstauglichkeit abgewonnen. Wenn er zur Bandprobe in den Rodgau fährt, passen sogar sein Bass, der Verstärker und eine Lautsprecherbox rein. Die Technik steht auf dem hinteren Sitz, das Instrument kommt längs neben den Fahrersitz. Dorthin streckt sonst der Beifahrer seine Beine aus.
Die 60 Kilometer Reichweite hat Jeuck bewusst noch nie ausgereizt. Er hängt das Elektroauto lieber einmal mehr als zuwenig an den Strom. Zum „Volltanken“ reichen die 220-Volt-Steckdose auf der Terrasse, fünf Meter Verlängerungskabel und drei bis dreieinhalb Stunden Zeit.

E-Mobil fahren bedeutet Planung. Ein Tag, der gut durchdacht sein will, ist der Dienstag, berichtet Holger Jeuck. Morgens fährt seine Frau zur Arbeit nach Dreieich, macht 24 Kilometer für Hin- und Rückweg. Am frühen Abend fährt ein Elternteil den Sohn zum Sport nach Langen - ebenfalls 24 Kilometer. Und wenn Holger Jeuck dann auch noch die 6 Kilometer zur Bandprobe ins Haus der Musik in Nieder-Roden will, kann’s schon mal eng werden. Doch auch im Elektroauto gilt die Devise aus der Zeit der Ölkrise „Fuß vom Gas, dann sparst du was!“ Wenn Jeuck den Fuß vom Pedal nimmt, gewinnt der Motor sogar Energie zurück.

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Liegen geblieben ist der Waldackerer in viereinhalb Monaten „Twizy“ nur ein einziges Mal. Aber da herrschte mal wieder Chaos auf der S 1 und er musste spontan aufs Auto umsteigen. Prompt war in Dietzenbach die Batterie leer. „Ich habe in der Nähe der Walldorf-Schule bei wildfremden Leuten geklingelt und um Strom gebeten“, schildert er eine nette Begegnung. Nach gut einer halben Stunde hatte sein Auto wieder Kraft für die nächsten zwölf Kilometer.

„Elektromobilität ist was fürs flache Land, wo jeder vor seinem Haus parken kann und ebenerdig eine Steckdose erreicht“, hat Holger Jeuck eine Grenze des vermeintlichen Zukunftsrezeptes ausgemacht. Dennoch betrachtet er den kleinen Renault als Einstieg in die private Elektromobilität und träumt: „Wenn ich jeden Monat einen Tausender übrig hätte, würde ich mir den zurücklegen und für 2019 einen Tesla 3 bestellen!“ Das neue Modell des amerikanischen Herstellers kostet in den USA 35.000 Dollar. Die Preise für Deutschland stehen noch nicht fest.

Quelle: op-online.de

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