Mit Pistole aus der Schuldenfalle?

Überfall auf OMV-Tankstelle: Räuber kommt glimpflich davon

Waldacker/Darmstadt – Mit einem bewaffneten Raubüberfall auf die OMV-Tankstelle raus aus der Schuldenfalle? Diese kriminelle Form der Tilgung bezahlte ein 27-Jähriger mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Von Michael Löw

Das Landgericht Darmstadt verurteilte den geständigen Täter vergleichsweise milde wegen Raub in einem minderschweren Fall. Das Strafmaß liegt zwischen einem und zehn Jahren.

Die Tat am 22. Dezember 2017 stellt sich laut Staatsanwältin Cyd Hergenröder wie folgt dar: Allein und unmaskiert betrat der Räuber um 20.19 Uhr den Verkaufsraum der Tankstelle an der Hauptstraße. Er wartete ab, bis der Kunde vor ihm ging, und tat so, als wolle er zwei Päckchen Zigaretten bezahlen. Als die Aushilfe kassieren wollte, zog der Räuber eine Pistole und warf eine Plastiktüte über den Tresen. „Alles Geld rein, was da ist!“, forderte er. „Ich bin noch jung, bitte erschieß mich nicht!“, flehte der Aushilfskassierer, der vor Angst zitterte und das Münzgeld fallen ließ.

Mit 605 Euro in Scheinen flüchtete der Räuber – zunächst zu Fuß nach Heusenstamm, wo er seine Jacke in einen Kleidercontainer stopfte. Mit der S-Bahn ging’s weiter nach Offenbach, wo er die Waffe weggeworfen haben will. Acht Monate später stellte er sich: Die Polizei hatte kurz vorher Fotos der Überwachungskamera veröffentlicht.

„Mein Mandant ist in eine Schuldenfalle geraten und wusste sich nicht anders zu helfen“, versuchte der Verteidiger eine Erklärung. Demnach begannen die Probleme des jungen Mannes mit „1 000 Euro für Handyverträge“. Ende 2017 hatten sich die Schulden auf mehr als 20 000 Euro summiert. Allein bei seiner Krankenkasse hatte er fast 14 000 Euro Beitragsrückstände. Das Geld lieh er sich von „privaten Leuten“, deren Identität er selbst auf mehrfaches Nachhaken von Richterin Ingrid Schroff nicht preisgab. Er war an die falschen Geldgeber geraten. „Ich habe Druck bekommen“, sagte er wiederholt. Auch Eltern und Geschwister seien bedroht worden.

Kurz vor Weihnachten 2017 zog er sich bei einem Freund in Dietzenbach zwei Linien Kokain ein und kaufte ihm für 30 Euro eine Gaspistole ab. „Einfach so“, beteuerte er, angeblich noch ohne jede böse Absicht. Und „einfach so“ marschierte er auch zur Tankstelle in Waldacker. Die kannte er, weil die Familie einige Jahre in der Nähe gewohnt hatte.

Mit den 605 Euro Beute bezahlte der Räuber einen Teil der Schulden. Weitere 1 500 Euro hatte er abgestottert, nachdem er 2018 in die Kasse seines Arbeitgebers, einem Hotel, gegriffen hatte.

Der Tankstellen-Kassierer, ein heute 20-jähriger Schüler, sagte im Zeugenstand, dass er immer noch Panikattacken hat, aber wieder in der Tankstelle arbeitet. Die Angst ist geblieben: „Wenn ich abends alleine bin und jemanden an seiner Jacke sehe, weiß ich nicht, ob er Geld sucht oder eine Waffe zieht.“

Das Opfer akzeptierte Ende vorigen Jahres 500 Euro Schmerzensgeld von den Eltern des Räubers und eine persönliche Entschuldigung im Gerichtssaal.

Staatsanwältin Hergenröder blieb mit zweieinhalb Jahren Haft unter der Mindeststrafe für die schwere räuberische Erpressung, wegen der sie den Mann ursprünglich angeklagt hatte. Zu seinen Gunsten wirkten sich bedingt das Geständnis und der Täter-Opfer-Ausgleich, vor allem aber Zweifel an der Waffe aus: War sie geladen oder nicht?

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Der Verteidiger hatte aus der Aussage eines Polizisten im Zeugenstand seine Argumentation aufgebaut: Wer sich fast vier Minuten ohne Maske im Bereich einer Überwachungskamera aufhalte und Fingerabdrücke auf Flaschen hinterlasse, sei nicht „planvoll, sondern stümperhaft“, vorgegangen. Sein Plädoyer deshalb: zwei Jahre auf Bewährung.

Diese Forderung machte sich Richterin Schroff weitgehend zu eigen. Die zwei Jahre Bewährung wurden im Urteil mit Auflagen verknüpft: drei Jahre unter strenger Aufsicht plus 150 Stunden gemeinnützige Arbeit. Der Haftbefehl wurde aufgehoben.

Die Richterin machte aber auch klar, dass sie nicht an die Schulden aus Handyverträgen glaubt. Wer der Polizei fünfmal wegen Drogendelikten auffalle, brauche sein Geld keineswegs fürs Telefonieren.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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