Weder Geld noch Vertrauen verloren

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Der Philosoph ist auch Unternehmensberater. In dieser Doppelfunktion hat sich Dr. Rüdiger Böhle Gedanken über die Wirtschaftskrise gemacht.

Ober-Roden - 700 000 Dollar Bonus erhält - im Schnitt - jeder Investmentbanker von Goldmann Sachs. Gut zwölf Monate nach der spektakulären Pleite der Lehman Brothers tut das Geld-Geschäft so, als sei die Wirtschaftskrise ausgestanden. Ist sie‘s tatsächlich? Philosoph Dr. Rüdiger E. Böhle sucht Antworten auf die Frage. Von Michael Löw

Wir sprachen mit Böhle, Philosoph im alten Ober-Röder Forsthaus und Unternehmensberater, über Geld und Gewissen und bekamen so manche Antwort voll tiefgründiger Ironie zu hören.

Kaum steigen die Aktienkurse wieder, dreht sich das Karussell der Gier erneut auf Hochtouren. Lernen die Menschen eigentlich nie?

Weshalb sollte jemand aus einem Crash lernen, wenn er ihn nicht ganz konkret verantworten muss? Grundsätzlich aber gilt, leider die Anmerkung Hegels: „Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker aus ihrer Geschichte nicht gelernt haben!“

Muss der Bankkunde vor seiner Gewinnsucht oder vor seinem Vermögensberater geschützt werden?

Leibniz würde hierauf süffisant antworten: „Wenn ein Sachverhalt kompliziert ist, so ist er falsch!“ Der Sachverhalt „Bankenprodukt“ ist so kompliziert, dass ihn selbst Spezialisten nicht vollständig zu durchschauen vermögen: Konkret: Sie sind auf Betrug angelegt!

War die Krise zu kurz, um einer menschlicheren Weltwirtschaft eine Chance zu geben?

Humanität resultiert aus der Erkenntnis des Menschen an und für sich. Krisen sind Anstöße zur Bedenklichkeit; ihre Dauer ist dabei irrelevant. Allerdings: die Krise wird dann und nur dann zum Anstoß der Bedenklichkeit, wenn der Mensch sich entscheidet, eine Krise als Anstoß zur Bedenklichkeit zu nehmen. Angesichts der Geschichte ist es keine Prophetie zu behaupten: Es besteht wahrlich keine Gefahr, dass ein solche Krise zum Anstoß einer Bedenklichkeit werden könnte.

Sie haben einen Ihrer Vorträge mit „Terror als letzte Gegenwehr“ betitelt. Was meinen Sie mit dieser provokanten These?

Die moderne Technik und Wissenschaft fordert eine Rationalität zum Zwecke der ganz alltäglichen Tauglichkeit, die wir „Wirtschaft“ nennen. (...) Wer sich nicht nach der Rationalität von Produktion und Konsumtion verhält, scheitert im Ausmaß von Armut. Die gegenwärtige Problematik des Fundamentalismus ist das tödliche Nachhutgefecht derartiger Transzendenzen und ihrem Produkt: die Armut – und die Unwissenheit. Deshalb sprengen die Taliban die Schulen in die Luft; morden Lehrer und Schüler und, insbesondere, Schülerinnen.

Sie sind sowohl Unternehmensberater als auch Philosoph. Wer tut sich denn bei der Bewertung der Krise leichter?

Die beiden Seiten meines Wirkens in der Welt sind ein Team: Und zwar ein gutes, sehr gutes Team!

Und warum?

Der Unternehmensberater wird – ganz alltäglich – mit der konkreten Welt, die wir gemeinhin „Wirklichkeit“ nennen, konfrontiert. Der Philosoph bedenkt die anfallenden Problematiken und hebt sie zur Lösung auf, die sich in der Wirklichkeit von Augenblick zu Augenblick bewähren muss. Ganz konkret wird die Tauglichkeit der Lösung beziehungsweise das Scheitern erfahren! Philosophie ist die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit wie sie ist, nämlich ganz konkret und gerade nicht abgehoben.

Was hat der Philosoph in Folge der Lehman-Pleite verloren?

Weder Geld noch Vertrauen! Das Erstere nicht, weil ihm der Satz des Leibniz sowohl logisch einsichtig ist wie erfahrungsmäßig bestätigt wurde. Siehe Antwort zwei. Das Zweite nicht, weil Solches nie bestand.

Quelle: op-online.de

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