Finanzskandal wirkte bis Ober-Roden

Wegen Schneider in die Pleite

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Siegfried Overländer hat einen Hochglanzprospekt aufgehoben, mit dem 1993/94 für die Zeilgalerie „Les Facettes“ geworben wurde.

Ober-Roden - Vor 20 Jahren erschütterte die größte Pleite der Nachkriegszeit den deutschen Immobilienmarkt. Jahrelang hatte der Bauspekulant Jürgen Schneider bei Banken Milliarden-Kredite erschwindelt. 1994 brach sein Reich zusammen und der Finanzjongleur floh in die USA. Von Bernhard Pelka 

Zurück blieben etwa neun Milliarden Mark Schulden und Hunderte Handwerker, die im Strudel der Pleite untergingen. Darunter Siegfried Overländer.

Der Elektromeister aus Ober-Roden arbeitete damals als Subunternehmer für eine Firma, die bei Schneiders Protz-Projekt auf der Frankfurter Zeil, „Les Facettes“, Großaufträge an Land gezogen hatte. „Wir haben Tag und Nacht gearbeitet“, erinnert der heute 72-Jährige. In der Spitze beschäftigte er 15 Mitarbeiter. Die kümmerten sich mit ausgefeilter Steuerungstechnik zum Beispiel um extravagante Lichteffekte an der Fassade oder beleuchteten Glasbausteine im Fußboden. Nichts schien für die Zeilgalerie zu teuer und ausgefallen. „Die Aufträge kamen rein wie nichts.“ Gezahlt wurde aber nur schleppend. „Schneider hatte ein Prüfbüro zwischengeschaltet. Das hat die Rechnungen ewig unter die Lupe genommen und die Zahlung durch nicht gerechtfertigte Reklamationen verzögert“, weiß der gebürtige Rheinländer noch gut von der sich ankündigenden Katastrophe.

Dass Schneider „dann über Nacht abgehauen ist“, hat den gestandenen Handwerker schwer erschüttert. Die Bilder, die damals durchs Fernsehen flimmerten, sind ihm noch in lebhafter Erinnerung: Handwerker, die auf den Schneider-Baustellen fast panisch alles zusammenraffen, was irgendwie Geld bringen könnte: Kabel, Fliesen, Werkzeug.

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Overländer gehörte nicht zu diesen Verzweifelten. „Ich hatte keine Chance. Alles, was wir gemacht hatten, war schon eingebaut. Es war zu spät.“ Sechs Wochen später musste er Konkurs anmelden. Außenstände von 200.000 Mark verkraftete das Unternehmen nicht. Nur weil der Geschäftsmann eine Lebensversicherung einbrachte, konnte er seine Firmengebäude an der Albert-Einstein-Straße halten. Außerdem erstritt er 70.000 Mark in einem Prozess. Den Rest schuldet Pleite-Schneider Overländer noch immer.

Wo früher Strippen gezogen wurden, betreiben Angelika und Siegfried Overländer heute ihre Tierpension. „Tiere mochte meine Frau schon immer.“ Die Idee zur Pension entwickelte sich aus der Tätigkeit für einen Tiernahrungsvertrieb. Jetzt leben in der früheren Eletrowerkstatt bis zu 35 Hunde, 60 Katzen, diverse Nager und Vögel.

Den Schmerz von damals hat Overländer inzwischen zwar vergessen. Aber in die Zeilgalerie hat er nie mehr einen Fuß gesetzt.

Quelle: op-online.de

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