Weihgässchen in Ober-Rodens Mitte

Weihgässchen: Raus aus der Anonymität

+

Ober-Roden - Große Ehre für eine sehr kleine Gasse: Am Samstagmorgen staunten die Passanten nicht schlecht über eine Menschentraube, eine Leiter und ein verhülltes Straßenschild mitten im Ort.

Das Weihgässchen bekam nun auch offiziell den Namen, den es im Volksmund schon ewig hat.

Nach einem knapp zweijährigem Entscheidungs- und Genehmigungsverfahren erhielt der schmale Fußweg, der Frankfurter und Dieburger Straße mit der Dockendorffstraße verbindet, ein weiß-blaues Namensschild. IGOR, die Interessengemeinschaft für einen lebenswerten Ortskern Ober-Roden, hatte versprochen, der altehrwürdigen Gasse eine dauerhafte Identität zu geben.

Nun kann man in Deutschland, wie Igor-Vorsitzender Ernst Schäck betonte, nicht einfach ein Namensschild an einer Hauswand aufhängen. Dank der Stadtverordneten wurde der Wunsch jedoch durch alle Gremien „zielorientiert zusammengeführt“, und nun war das Schild tatsächlich zur Enthüllung freigegeben – wohl eine besondere Freude für den Ortskernführer Reinhard Berker, der die kleine Feier krankheitsbedingt verpasste.

Lebenswerter Ortskern

Die IGOR-Mitglieder hatten Fotos, wie die Ecke rund ums Weihgässchen früher aussah, und sogar alte Metzgerschalen aufgetrieben und zeigten sie beim Umtrunk, der die Enthüllung des weiß-blauen Namensschildes abschloss.

„Es ist nicht nur ein simples Straßenschild. Ein lebenswerter Ortskern kann nur gestaltet werden, wenn man seine Geschichte kennt“, betonte Ernst Schäck, dass IGOR Heimatgeschichte transparent machen will. Aber nicht etwa in Konkurrenz zu bestehenden Vereinen, sondern ergänzend dazu. Die Namensfeier sei zwar nur der Abschluss einer Einzelmaßnahme, im Grunde aber der Beginn einer Erneuerung des Ortskerns: Im selbst ausgerufenen „Jahr des Rundlings“ könnte dies eine Initialzündung sein.

Wie humorvoll Ortsgeschichte sein kann, bewies eine Anekdote zu genau dieser Straßenecke. Früher war das Gässchen flankiert von zwei stattlichen Gebäuden, von der Kirche aus gesehen links dem der Familie Rupp und der früheren Gastwirtschaft „Zum Stern“; rechts von der Metzgerei Knapp, von der sogar noch alte hölzerne Fleischschalen mit eingebranntem Namenskürzel vorhanden sind. Nach dem Krieg wurde sie geschlossen und als Milchhäuschen genutzt und dann 1949/50 vom Metzger Hornung gekauft.

„Identität erkennen, Identität bewahren“

Diese Metzgerei hatte sogar ein Schwein mit zwei Schwänzen geschlachtet: Bei einem Wellfleischessen bemerkte ein Kind, dass in der Fleischbrühe zwei Schweineschwänze schwammen – dabei hatte der wackere Metzger doch nur eine Hausschlachtung angekündigt. Zur Fleischbeschau vor dem Verkauf mussten die Tiere vors Hoftor gehängt werden, um behördlich freigegeben zu werden. Hinterm Hoftor hing das zweite Schwein, von dem offiziell niemand etwas wissen durfte, dessen Schwänzchen aber doch mit in die Brühe geraten war. Das bestätigte Katharina Krahl, die Tochter des Metzgers.

Auch für Bürgermeister Roland Kern, der die Namenstafel „auspacken“ durfte, war die Namensgebung ein schönes Ereignis, passt es doch in seine Überzeugung des „Identität erkennen, Identität bewahren“. Er dankte Maria und Adam Schrod, die vor zwei Jahren die Eingabe an die Stadtverwaltung gemacht hatten.

Nicht auf die Kanzel, aber auf die Leiter stieg Pfarrer Elmar Jung mit seinem Weihwasserspender, um den zahllosen Leuten, die dicht gedrängt in der engen Gasse standen, den Segen zu spenden. „Hier zwischen Dockendorffstraße, Schäfereck und Kirche sind die Menschen immer auf einen besonderen Ort zugegangen, sie wussten: Sie kommen zu einem geweihten Ort, von den Glocken herbeigeholt, sind sie in Vorfreude zum Haus des Herrn gegangen.“

chz

Quelle: op-online.de

Kommentare