Reste eines Kranzes werden „schönster Christbaum der Welt“

Weihnachtsglück vom Friedhof

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Nicht jeder Christbaum kann so prächtig geschmückt sein wie der auf dem Ober-Röder Marktplatz. Doch manchmal sind ein paar Zweige weihnachtlicher als die größte Tanne.

Urberach - Drei Tannenzweige mit ein bisschen Schmuck können eine Familie glücklicher machen als ein prächtig dekorierter Weihnachtsbaum. Von Michael Löw

Wie’s dazu gekommen ist, erzählt Jupp Trauten (89), dem die Geschichte aus dem Jahr 1960 auch heute noch Tränen der Rührung in die Augen treibt. Den Christbaum auf den letzten Drücker auf den letzten Drücker kaufen: Das macht Schnäppchenjäger glücklich und verhilft jenen zu einem guten Gefühl, die einer wochenlang nicht beachteten schiefen Tanne ein schönes Weihnachten gönnen wollen. Oder es bringt ganze Familien zur Verzweiflung.

Der Urberacher Rentner Jupp Trauten erzählt eine Geschichte, die ein ebenso glückliches wie berührendes Ende fand. Sie spielte sich 1960 ab, als er in Nürnberg arbeitete und seine Frau mit den beiden kleinen Töchtern in Duisburg wohnte. Am 23. Dezember kommt Trauten spätabends nach vier Wochen Arbeit heim. Den Weihnachtsbaum will er tags darauf kaufen: In Nürnberg, der Stadt des weltberühmten Christkindlmarktes, hatte er vor der Abreise noch an allen Ecken welche gesehen. Das kann in Duisburg nicht anders sein, hat er noch im Zug gedacht.

Der nächste Morgen belehrt die Familie eines Besseren. „An dem Platz, an dem wir den schönsten Baum zu finden hofften, war außer ein paar abgerissenen Zweigen nichts mehr zu sehen“, schildert der 89-Jährige das erste niederschmetternde Ergebnis des Heiligen Abends 1960. Doch im ganzen Stadtteil Hochfeld finden die Trautens keinen Baum. Jupp Trauten schickt seine Frau Helga und die Töchter Martina und Ricarda heim und macht sich allein auf die Suche. Er spricht jeden an, der nur ein bisschen weihnachtliches Grün trägt. Der mittlerweile vor Aufregung schwitzende Vater fährt mit der Straßenbahn durch die vielen Bezirke der Stadt. Der Fahrer hat Mitleid und erlaubt ihm, vorne stehen zu bleiben - sozusagen im Ausguck. Jupp Trautens Zuversicht sinkt von Haltestelle zu Haltestelle. Kurz vor der Stadtgrenze rät ihm eine Frau: „Versuchen Sie es doch mal da vorne in der Friedhofsgärtnerei. Die haben noch auf.“

Trauten greift nach diesem Strohhalm. Die mütterliche Gärtnersfrau lächelt zunächst bedauernd. Doch dann erlebt Jupp Trauten sein persönliches Weihnachtswunder. Die Augen der Gärtnerin strahlen, sie flüstert ihrem Mann etwas ins Ohr und der geht mit Trauten ins Gewächshaus. Dort liegen zu seiner Erleichterung drei große Tannenzweige von vielleicht einem Meter: Reste eines Kranzes, den der Friedhofsgärtner gebunden hatte. Statt für 10 verkauft er sie für 7,50 Mark - schließlich sei ja Weihnachten.

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Strahlend vor Glück rennt der Weihnachtszweig-Besitzer zur Straßenbahnhaltestelle. Der freundliche Fahrer vom Hinweg stoppt sogar vorher und lässt Trauten auf offener Strecke einsteigen. Daheim warten seine drei Mädels voller Sorgen. Ehefrau Helga hat gar einen Nachbarn mit Auto gefragt, ob er mit ihrem Mann im Wald einen Baum „besorgt“. Dank der Friedhofsgärtner können die beiden die Geburt Christi feiern, ohne Waldfrevel begangen zu haben.

Die drei Tannenzweige werden in eine große Bodenvase voller Sand gesteckt und mit Draht so zusammengebunden, dass sie fast wie ein Baum aussehen. Eine mit Weihnachtspapier beklebte Apfelsinenkiste beschert ihm die nötige Höhe. Kugeln, Lametta und Kerzen waren ja ohnehin im Haus.

Was dann rund um die Reste eines Friedhofskranzes geschieht, lässt Helga und Jupp Trauten auch nach 57 Jahren noch immer vor Rührung weinen. Der 89-jährige Ex-Duisburger, der seit 49 Jahren in Urberach daheim ist, erzählt’s sozusagen von außen - in der dritten Person: „Inzwischen ist es dunkel geworden. Helga hat die Kinder gebadet, und alle sind festlich gekleidet. Im Wohnzimmer zündet Jupp die Wachskerzen an, auf die Helga immer Wert gelegt hat, löscht das Licht und öffnet die Tür. Und die Kinder sehen den schönsten Christbaum der Welt, dessen Lichter sich in den tränenden Augen von Jupp und Helga spiegeln.“

Quelle: op-online.de

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