Oft hilft nur ein gezielter Tritt

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Meike (13) hatte ebenso wie ihre übrigen Kurskolleginnen die Bewegungsabläufe des Wendo rasch verinnerlicht. Das Training im „SchillerHaus“ war von gegenseitigem Respekt geprägt, doch die Botschaft war deutlich: Angreifer müssen mit Tritten und Schlägen gegen Körperteile, wo"s weh tut, rechnen.

Urberach (chz) - Was da zwei Tage lang aus dem „SchillerHaus“ drang, machte Passanten Angst und ließ Schlimmes erahnen. Die lauten Mädchenschreie gehörten jedoch zu einem Wendo-Kurs und hatten - bei genauerem Hinhören - etwas Befreiendes an sich.

Sozialpädagogin Stephanie Grabs hatte den Kurs zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Mädchen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion organisiert. Die Reaktionen reichten von „Ich finde es toll, hier meine Wut ablassen zu können“ bis hin zu „Es schadet nie, sich verteidigen zu können!“. Einig waren sich die sechs Mädels im Alter zwischen 10 und 19 Jahren in einem: Derartige Kenntnisse hätten sie schon dringend gebraucht. Mehrere Teilnehmerinnen haben schon schlechte Erfahrungen auf dem Schulhof oder der Straße gemacht.

Besonders Abwehrmöglichkeit gegen Angriffe von hinten sind erwünscht, und unter der Leitung von Trainerin Doris Aubele von der Darmstädter „Frauen Offensive“ wurden die Mädchen dafür fit gemacht.

Mut zum Brüllen

Nach der anfänglichen Gesprächsrunde folgen erste Stimmübungen: Auch lautes Gebrüll muss erst gelernt werden – der Mut dazu ist nicht selbstverständlich. Ungläubiges Staunen überkam Sina, Lydia, Tanja, Jenny, Elena und Meike über die eigenen Kräfte. Soviel Power hätten sie sich selber und den anderen Mädchen gar nicht zugetraut – etwa ein zwei Zentimeter dickes Holzbrett schon am ersten Kurstag mit der Handkante durchzuschlagen oder mit dem Fuß kaputt zu treten. Leichte Zerrungen in der Hand nahmen sie dafür gern in Kauf. Aus dem zweifelnden „Das schaffe ich nie“ war binnen weniger Stunden ein Wissen um die eigene Kraft geworden, die die Mädchen mit Stolz erfüllt.

Körpererfahrung machen, zu Zivilcourage ermutigen, die Rechte der Frauen auf Selbstbehauptung und auf Abwehr etwa bei sexueller Anmache selbstverständlich zu machen - das ist das Ziel solcher Wendo-Kurse. Im respektvollen Miteinander wird gelernt, Konflikte auszutragen.

Alltäglicher Gewalt entgegenwirken

Jahrespraktikantin Jenny Ankenbrand (19) nahm ihr erstes von eigener hand gespaltenes Brettchen als Andenken mit nach Hause – alle Teilnehmerinnen haben sich darauf verewigt.

Der Verein „Frauen Offensive“ will der alltäglichen Gewalt, die Mädchen und Frauen erleben, durch Hilfe zur Selbstbehauptung entgegenwirken: Voriges Jahr hatten die Sozialpädagogen und Jugendbetreuer Stephanie Grabs und Jens Müller den Kurs im Rahmen des städtischen Winterferien-Programms im Jugendzentrum Ober-Roden angeboten. Deshalb hatten sie dieses Jahr das „SchillerHaus“ ausgewählt. Allerdings hatten sich keine Mädchen aus der Umgebung des neuen Seewald-Treffs angesprochen gefühlt.

„Aufgrund der derzeit recht knappen Personalsituation ohne Verantwortliche für Mädchenarbeit müssen wir das Defizit anderweitig ausgleichen, weshalb wir uns für das Wendo-Projekt eine starke Frau von außen geholt haben“, erläuterte Sozialpädagogin Stephanie Grabs, zuständig für die Jugendarbeit im „SchillerHaus“, die Situation. Die normale Beratungsarbeit dagegen wird durchaus von ihr selbst geleistet, aber Mädchen sind bei den JUZ-Besuchern ohnehin weit in der Unterzahl.

Quelle: op-online.de

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