So wenig Mensch wie möglich

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130 Jahre Wachstum liegen zwischen den beiden Sprösslingen, die Forstamtsleiter Kurt Schäfer in der Hand hält, und den Kiefern im Hintergrund. Bis zu 200 000 solcher Pflänzchen sprießen auf einem Hektar Rödermärker Waldboden.

Rödermark - (lö) „Am schönsten hat‘s die Forstpartie. Der Wald, der wächst auch ohne sie!“ So spöttelt ein alter Reim, den Forstamtsleiter Kurt Schäfer gern zitiert, über seinen Berufsstand.

Das Prinzip der natürlichen Verjüngung, das das Forstamt Langen, in Rödermarks Wäldern praktiziert, kommt dem Gedicht schon recht nahe - aber eben nicht ganz. „Ein bisschen müssen wir schon eingreifen“, sagt Kurt Schäfer. Eigentlich setzt der Mensch die natürlich Verjüngung sogar erst in Gang. Aber Kahlschlag und hektargroße Schonungen zur Wiederaufforstung sind rund um Rödermark passé.

Hier fangen wir an, an die nächste Waldgeneration zu denken“, deutet Schäfer auf ein paar knapp 20 Zentimeter Sprösslinge in einem Buchenbestand nördlich der Straße von Urberach nach Messel. Einen der 150 Jahre alten Bäume hat das Forstamt dort geerntet, um seinen Stumpf scharen sich jetzt die Jungpflanzen. Die Lücke im Blätterdach heißt in der Fachsprache „Lichtschacht“ und das Verfahren „Natürliche Lichtsteuerung“. Beides macht dem Buchen-Nachwuchs den Weg nach oben frei.

10 bis 15 Jahre dauert‘s bis sie „aus dem Äser gewachsen“, also groß genug sind, dass Wildverbiss ihnen nichts mehr anhaben kann. Dann greift der Förster zum nächsten Mal ein und erweitert den Lichtschacht.

Immer im Blick haben Schäfer und der Rödermärker Revierförster Klaus Baxmann den besten Baum einer Gruppe: gerade gewachsen, die Äste erst möglichst weit oben. Er wird gehätschelt, der Rest fällt früher oder später der Säge zum Opfer.

Innerhalb von zehn Jahren lässt das Forstamt Langen aber höchstens 30 Prozent der Bäume fällen. Das rechnet sich trotz penibler Auswahl und zeitaufwändigen Rückearbeiten. Schäfer: „Ob ich aus einem Hektar 30 oder 100 Kubikmeter Holz raushole, ändert an den Kosten pro Kubikmeter nichts.“

Von Industrie und Handwerk gefragt sind übrigens Kiefern aus dem Rödermärker Wald. Kurt Schäfer hat vor ein paar Wochen durch Zufall erfahren, dass ein Posten Kiefernholz, den er vor zwei Jahren verkauft hat, zu Fenstern für den Frankfurter Römer wird.

Das Idealbild natürlicher Waldverjüngung: rund um dem Stumpf einer gefällten Buche wachsen junge Buchen. Die halbhohen Bäume dahinter sind etwa 20 Jahre jung, die großen Buchen kommen auf rund 150 Jahre.

In Kiefernbeständen braucht die natürliche Waldverjüngung allerdings den Menschen als Geburtshelfer. „Leichte Bodenverwundung“ heißt der kriegerisch anmutende Fachbegriff daür: Unter alten Kiefern liegt meist eine dicke Schicht alter Nadeln, vermischt mit Blättern benachbarter Laubbäume. Ein Kiefernsamen, der seine Wurzelchen da durchbohren muss, verästelt seine Kraft. Damit auch er zumindest theoretisch die Chance hat, Fenster eines bekannten Gebäudes zu werden, schiebt ein kleiner Raupenschlepper hie und da ein paar Quadratmeter Alt-Nadeln weg - eine Art Frühbeet für Kiefernsprösslingen.

Zuviel Platz darf man ihnen aber nicht schaffen. „Unter idealen Bedingungen wachsen auf einem Hektar Waldboden bis zu 200 000 Pflänzchen. Für einen schönen Wald aber reichen uns 10 000“, erläutert Schäfer.

Fakten

- Der Stadtwald Rödermark ist 1007 Hektar groß, das entspricht gut einem Drittel der Gemarkungsfläche.

- Der Wert liegt etwas unter dem Durchschnittswert von 41 Prozent in Stadt und Kreis Offenbach.

- Die Kiefer ist die am häufigsten vorkommende Baumart, ihr Anteil beträgt 70 Prozent. 18 Prozent der Bäume sind Buchen, 10 Prozent Eichen und 2 Prozent Fichten.

- Pro Stunde wächst ein Kubikmeter Holz nach, im Jahr sind‘s etwa 8 500 Kubikmeter.

- Fällen lässt das Forstamt durchschnittlich nur 7 400 Kubikmeter, der Stadtwald wächst also. Für Kurt Schäfer und seine Kollegen gilt schon lange das Prinzip der Nachhaltigkeit: „Schlage nur soviel Holz, dass deine Enkel noch genauso viel schlagen können!“

- 35 Prozent seiner Bäume sind im ökologisch wertvollen Alter von über 120 Jahren.

- Abgestorbene Stämme bleiben stehen, ebenso Stämme mit Spechtlöchern. Sie dienen Käuzen, Tauben und Insekten als Höhlen.

- Wer mehr zu Wald und Forstwirtschaft wissen will, kann entweder hier klicken oder das Forstamt Langen unter Tel: 06103 5009-0 anrufen. Revierförster Klaus Baxmann ist unter Tel: 06074 881600 erreichbar.

Quelle: op-online.de

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