Zu wenig Zeit für Angst gehabt

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Michael Störmer war nach dem Erdbeben zunächst von Tokio ins weiter südlich gelegene Osaka umgesiedelt. Inzwischen ist der Lufthansa-Manager wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt.

Urberach - Zehntausende von Toten, Verletzten und Vermissten, mehrere hunderttausend Menschen ohne Obdach, Atomkraftwerke am Rande des Super-GAU: Die Natur- und Reaktorkatastrophen vom 11.  März haben nicht nur Japan tief getroffen. Von Michael Löw

Michael Störmer, der langjährige Leiter der BSC-Tennisabteilung, verhandelte gerade in Tokio mit Geschäftspartnern, als die Erde bebte. Er arbeitet für die Lufthansa Cargo als Regionalleiter Japan und Korea und hat schon einige schwächere Beben mitgemacht. Japanische Gelassenheit ist ihm ein Stück weit in Fleisch und Blut übergegangen; Michael Störmers Sorgen galten Kollegen, Freunden und den verängstigten Angehörigen daheim.

Unserer Zeitung schilderte er per E-Mail, wie ruhig die Japaner die Katastrophe wegsteckten, während über Deutschland eine regelrechte Hysteriewelle schwappte.

Michael Störmer sah an jenem Freitagnachmittag Hochhäuser „schwanken wie Halme im Wind“. Mitten in besagten Verhandlungen fing das Gebäude an zu zittern. Störmer blieb anfangs so cool wie seine japanischen Kollegen. Doch dann musste er sich am Türrahmen festhalten. Das Beben dauerte etwa eine Minute, eine gefühlte Ewigkeit. Spätestens da war allen klar, dass da eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes ihren Anfang nahm.

Japaner konferierten weiter

Das Bürohochhaus sei extrem erdbebensicher gebaut, verteilten die Japaner zunächst verbale Beruhigungspillen. Der Blick auf die Straße schien sie zu bestätigen, draußen fuhren die Autos als wäre nichts gewesen. Gleichzeitig aber versuchte jeder, unauffällig Familie oder Freunde anzurufen. Störmer: „Mich persönlich hat dann doch beunruhigt, dass die Telefonnetze komplett ausgefallen waren und ich meine Frau weder übers Handy noch bei uns zu Hause erreichen konnte.“

In dieser Ungewissheit konferierten die Airliner weiter. Die Japaner setzten die Gespräche nach dem Beben zu Störmers Erstaunen ganz normal fort: „Da durften wir als Gaijins (japanisches Wort für Ausländer, Anmerkung der Redaktion) uns natürlich keine Blöße geben.“

Dass seiner Frau nichts passiert war, erfuhr Michael Störmer erst, als er abends heimkam. Fernsehen und Internet zeigten dann, was nur wenige hundert Kilometer nördlich von Tokio geschehen war. Samstags überredete er seine Frau zum Rückflug nach Frankfurt. Da machten Nachrichten von Nachbeben und vom Reaktorunglück in Fukushima die Runde - zuerst in deutschen Medien.

Mitarbeiter nahmen klaglos fünf Stunden Fußweg auf sich

„In Deutschland wäre das große Chaos ausgebrochen, jeder hätte den anderen auf Seite gedrängt, um vielleicht eines der wenigen Taxis zu bekommen oder in einem Bus mitfahren zu können. In Japan stellt man sich auch in einer solchen Situation ruhig an oder geht gleich zu Fuß“ beschreibt Michael Störmer den größten Unterschied angesichts des Stillstands auf den Straßen. Einige seiner Mitarbeiter nahmen klaglos fünf Stunden Fußweg auf sich. Wer länger gebraucht hätte, konnte im Büro übernachten. In der Umgebung gab’s - noch - genug Lebensmittel und Getränke zu kaufen. Ein Mann, der in der Nähe wohnt, kochte daheim Reisbällchen und brachte sie den festsitzenden Kollegen.

„Richtig Angst hatte ich eigentlich nur sehr selten. Dafür ging alles viel zu schnell und die intensive Arbeit der letzten Tage ließ es auch kaum zu, dass man sich intensiv hätte Sorgen machen können“, fasst Michael Störmer seine Eindrücke zusammen. Durch den Zeitunterschied (Japan ist acht Stunden voraus) und die regelmäßige Kommunikation mit dem Lufthansa-Krisenzentrum in Frankfurt hat sein Arbeitstag derzeit meist 16 bis 18 Stunden: „Da bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken.“

„Hype" in Deutschland

Natürlich sei er glücklich, dass seine Frau in Sicherheit ist und meine Mitarbeiter alle wohlauf sind. Wenn er die deutschen Nachrichten verfolgt, fragt er sich, ob seine Frau nicht besser in Japan geblieben wäre.

Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung in Deutschland, hätten auch die japanischen Medien umfassend und sehr objektiv berichtet. Darüber hinaus hat die deutsche Botschaft und der TÜV Rheinland die Lufthanseaten regelmäßig mit Messergebnissen und Wetternachrichten versorgt, die zu keinem Zeitpunkt auf eine aktuelle Gefährdung im Großraum Tokio hindeuteten.

Michael Störmer: „Leider muss ich sagen, dass der eigentliche Hype nur in Deutschland stattfand. Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber ich glaube, dass parteipolitische Aspekte die Berichterstattung stark beeinflusst haben.“ Japaner würden diese Überreaktion nicht verstehen. „Statt uns des Themas Erdbeben- und Tsunamiopfer anzunehmen, wurden die eigentlichen Opfer vernachlässigt und statt dessen wurde eine politische Diskussion zum Thema Atomkraft in Deutschland in den Vordergrund gestellt“. bedauert Störmer und überlegt, wie er mit Hilfe seines Arbeitgebers oder auf privater Basis ein Hilfsprojekt organisierten kann.

Quelle: op-online.de

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