Pfarrer koordinierte neun Jahre lang regionale Notfallseelsorge

Wenn der Schutzschild wegschmilzt

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Notfallseelsorger Frithjof Decker hat nach seiner Pensionierung Zeit für Dinge, die zuletzt etwas kurz kamen. Im Hof seines Ober-Röder Hauses repariert er Fahrräder für Flüchtlinge. Mit seiner Frau Gudrun will er demnächst die kroatische Küste entlang radeln. 

Rödermark - Neun Jahre war Pfarrer Frithjof Decker Koordinator der Notfallseelsorge in Kreis und Stadt Offenbach. Jetzt ist er im Ruhestand und zog im Gespräch mit unserer Zeitung Bilanz der Ersten Hilfe für die Seele. Von Michael Löw 

Der vierfache Vater war immer dann am tiefsten betroffen, wenn ein Kind starb. Frithjof Decker war seit Ende 1986 Pfarrer der Urberacher Petrusgemeinde. 2008 suchte er - damals 56 - eine neue Aufgabe für seine letzten Dienstjahre und bewarb als Alten- und Notfallseelsorger. Geistliche waren schon immer zur Stelle, wenn Menschen nach schweren Unfällen einen Zuhörer oder Tröster brauchten. Aber erst die ICE-Katastrophe von Eschede 1998 mit mehr als 100 Toten rückte die Notfallseelsorge ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Doch längst kümmern sich Pfarrer auch um „kleine“ persönliche Katastrophen.

Frithjof Decker koordinierte die Notfallseelsorge in Stadt und Kreis Offenbach seit dem 1. Juni 2008. Das Team wurde in diesen neun Jahren zu etwa 500 Einsätzen gerufen. Das steht in der Gesamtstatistik. Decker schätzt, dass er selbst 10 bis 15 Mal pro Jahr raus musste, wenn Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst Erste Hilfe für die Seele anforderten.

Selbstmorde oder der plötzliche Tod eines Kindes sind am schlimmsten. „Das wirft die Menschen aus dem Umfeld sehr aus der Bahn“, versucht Pfarrer Decker eine sachliche Beschreibung jener Mischung aus Trauer, Schock und oft auch Wut, die den Helfern entgegenschlägt. Der Tod eines afrikanischen Säuglings hat sich tief in Deckers Erinnerung eingegraben. Er hat selbst vier Kinder.

Sehr nahe ging ihm auch der Untergang des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio im Januar 2012. Viele Opfer - Tote und Vermisste - waren Offenbacher, Mühlheimer und Maintaler. „Belastend war das lange Warten auf eine Identifizierung. Manche Angehörige hatten erst drei Monate nach der Havarie Gewissheit“, erzählt der Notfallseelsorger.

Er organisierte im Parkhotel Rödermark ein Treffen der Opferfamilien und ihrer Anwälte mit Psychologen und Vertretern der Reederei. Da sei auch viel Wut im Spiel gewesen, doch am Ende habe das gemeinsame Trauern eine Eskalation verhindert.

Einer seiner letzten Einsätze als Notfallseelsorger war der tödliche Unfall eines Motorradfahrers auf der Bieberer Straße in Offenbach. Dort traf Decker einen Freund des Verunglückten und begann das Gespräch wie so oft mit einer ganz banalen Frage: „Wie kommt es, dass Sie hier sind?“ Die beiden Männer hatten sich zu einer Tour verabredet, schilderte der zweite Biker. Als sein Freund nicht kam, machte er sich Sorgen und fuhr die Bieberer Straße entlang. Zwischen Rettungswagen und Polizeiautos entdeckte er die Maschine: Ein Pkw hatte sie beim Abbiegen übersehen und den Freund getötet.

Dieses Gespräch lief nach den Maßstäben der Notfallseelsorge gut. Denn der Mann redete sich mit der Erinnerung an gemeinsame Touren die Trauer von der Seele. Aber er wusste auch um das Risiko dieses Hobbys. Die nüchterne Feststellung „Das ist schon der Dritte!“ bekam Decker nach Motorradunfällen öfter zu hören als den Vorwurf „Warum lässt Gott das zu?“

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Doch oft stehen Angehörige unter Schock. Decker: „Das Gehirn schaltet ab und sendet Signale: Das ist nicht wahr! Dieser Selbstschutz macht ein Gespräch schwierig.“ Trotz des Aufnähers „Notfallseelsorger“ auf der blauen Jacke wies Frithjof Decker nicht gleich darauf hin, dass er ein evangelischer Pfarrer ist. Erst, wenn er später in der Wohnung ein Kreuz sah, fragte er, ob er mit den Angehörigen beten oder mit ihnen noch einmal zum Toten gehen soll.

Frithjof Decker hat in den vergangenen neun Jahren ein Team mit 30 Helfern gemanagt. Seine oberste Devise: Niemanden, der eine ähnliche Situation durchlitten hat, hinschicken. Also keine Pfarrerin, die vielleicht selbst ein krankes Kind daheim hat, zu einem sterbenden Kind schicken. Denn dann, so Decker, gerät die professionelle Haltung ins Wanken.

„Was mir hilft, ist, dass ich Abstand wahren kann“, sagt Decker. Doch einmal half diese Distanz nicht. Als vor Jahren ein Mitglied der Urberacher Petrusgemeinde unter dramatischen Umständen starb - alles Weitere bleibt aus Rücksicht auf die Familie geheim - hat er einen Rückzieher gemacht: „Da ist der Schutzschild einfach abgeschmolzen!“

Auch nach seiner Pensionierung bleibt Frithjof Decker der Notfallseelsorge erhalten - aber nur noch als ein einfacher Ersthelfer der Seele.

Quelle: op-online.de

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