Wenn Verlierer plötzlich siegen

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Sandalen gegen Kickschuhe: Beim Seewald-Fußballturnier musste in jeder Mannschaft ein Mädchen mitspielen und auch das erste Tor schießen – alles andere davor zählt nicht.

Urberach ‐ Die Szene aus dem Eröffnungsspiel war typisch für das diesjährige Seewald-Kinderfußball-Turnier: Die achtjährige Göce schießt – wie in den Regeln vorgeschrieben - das erste Tor, es folgt Tor um Tor, bis Ali (9) schließlich zum Endstand von 11:0 trifft. Von Christine Ziesecke

Riesenjubel im Team, doch Spielbeobachter Erik Schmekel erkennt dem Gegner den Sieg zu. Das Gemeuter war groß bei den kickenden Jungs. Denn für Fußball-Machos mit und ohne Migrationshintergrund galt bis dato eine unumstößliche Wahrheit: Sieger ist, wer mindestens ein Tor mehr erzielt hat.

Was also hat das Weltbild eines jeden Fußballers so gründlich auf den Kopf gestellt? Beim Seewald-Turnier steht Fair Play an erster Stelle: Spielen beide Mannschaften regelkonform, so zählen am Ende ganz klassisch die Tore. Spielt die Mannschaft aber unfair, gewinnt die andere den Siegpunkt - egal, wie viel Tore sie kassiert hat.

Nach jedem einzelnen Spiel erläutern die Beobachter René Hirsch vom FC Viktoria Urberach und Erik Schmekel von der Fachabteilung Soziale Dienste ihre Wertung, notfalls auch jede einzelne Entscheidung. Wichtigste Kriterien dabei sind Respekt gegenüber dem Anderen, Ballabgabe anstelle spektakulärer Solodribblings, kein heftiges Gerempel und keine unflätigen Sprüche.

Elf Mannschaften mit jeweils drei Jungen und einem Mädchen

Zunächst hagelt‘s Wutausbrüche bei manchem kraftstrotzenden und sieggewohnten Spieler über die unerwartete Niederlage. Doch wie viele andere hat auch der anfangs heftig protestierende Ali die Regeln ganz schnell kapiert. Das freut Organisator Wolfgang Geiken-Weigt, Leiter der Sozialen Dienste der Stadt, ganz besonders: „Für René Hirsch und auch mich wurde Ali am Ende des Turnier zu einem der fairsten Spieler überhaupt.“

Überraschend sind auch andere Verwandlungen an diesem Nachmittag. Wie etwa das siebenjährige zurückhaltende Mädchen, das ganz schüchtern an der Anmeldung stand, sich aber im Turnierverlauf als forsche Stürmerin entpuppt, die wohl das erste Tor ihres Lebens schoss. Nicht nur ihre Mutter war stolz auf ihren über sich hinaus gewachsenen Fußballnachwuchs.

Am dritten Seewald-Fußballturnier im Rahmen des „Rödermärker Generationensommers“ beteiligten sich 44 Kinder - elf Mannschaften mit jeweils drei Jungen und einem Mädchen. Beim Aufbau der beiden von der Fair-Play-Initiative „ballance hessen“ ausgeliehenen netzgeschützten Spielplätze kamen Seniorenbeirat, die Mitarbeiter der Abteilung Soziale Dienste und die helfenden Mitglieder des FC Viktoria ganz schön ins Schwitzen. Neben diversen Sponsoren ermöglichten viele Helfer aus Verein und Stadtverwaltung das Spektakel, von dem jetzt schon feststeht, das es im nächsten Jahr eine Wiederholung erfahren wird, da es ungewöhnlich viele gute Ansätze für den fairen sportlichen und freundschaftlichen Umgang miteinander erkennen ließ.

Am Ende waren sich alle Organisatoren einig: Es war ein voller Erfolg und es hat Spaß gemacht zu beobachten, wie die Fairness-Regeln angenommen wurden.

Wer mehr über Integration, Toleranz und Fair Play im Fußball wissen möchte, ist heute Mittag ab 13 Uhr in den Kindergarten St. Gallus eingeladen: Bei einem Grillnachmittag wird das Urberacher Pilotprojekt „Fair bleiben, liebe Eltern!“ ausgewertet.

Quelle: op-online.de

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