Wegwerfen kann doch jeder

Im Werkstatt-Café gibt es (fast) keine hoffnungslosen Fälle

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Das Tonbandgerät von Stazni Papas sorgte dafür, dass letztlich alle Hobbybastler die Köpfe zusammensteckten, um dem Fehlerteufel auf die Spur zu kommen.

Urberach - Das Werkstatt-Café – einst Café-Werkstatt, bis manche Nutzer dachten, es würden nur Kaffeemaschinen repariert – ist mit wachsender Kundenzahl vom Seniorenraum im alten Ober-Röder JUZ in den Nebenraum der Halle Urberach umgezogen. Von Christine Ziesecke 

Wir haben die Tüftler 90 Minuten lang mit Stift und Kamera begleitet. Alle vier Wochen rücken die Handwerker im Nebenraum der Halle Urberach an – Handwerker mit großen Werkzeugkoffern, mit Kartons voller Kabel und Ersatzteilen und mit der wilden Entschlossenheit, alles zu reparieren, was ihnen gebracht wird. Sie sind nicht für die Halle zuständig, sondern erwarten drei Stunden lang Menschen, die ihnen ihre Lieblingsstücke vorbeibringen, die alle leider nicht das tun, wofür sie einst gekauft wurden. Das Werkstatt-Café ist eines der vielen Projekte, die derzeit Reparieren als Alternative zum Wegwerfen und Neukaufen fördern. Es findet monatlich mehr Kunden.

Horst Kuhnt kümmerte sich später dann auch noch um den Toaster, den Helmut Hausner mitgebracht hatte.

An diesem Mittwoch stehen die ersten Kunden mit ihren „Patienten“ schon vor der Tür, während vier der fünf angeworbenen Helfer (mit René Radde ist der Fünfte derzeit in Urlaub) minütlich im Raum ankommen, ihre schützenden Unterlagen auf den Tischen ausbreiten und das erste Werkzeug bereitlegen – Schraubenzieher, Lappen, Ölfläschchen, kleiner Föhn.
Ein weißer Toaster ist das erste Sorgenkind. Dem widmet sich Horst Kuhnt aus Urberach mit viel Liebe und mit ebenso viel elektrotechnischem Geschick. Bald liegt er in Einzelteilen da, wird gereinigt und getestet, doch sein Besitzer Helmut Hausner muss letztlich unverrichteter Dinge heimgehen.
Von Engagementlotsin Waltraud Krayer wird das sofort auf dem Arbeitsblatt vermerkt, das neben der Eingangsliste der wartenden Kunden die zweite bürokratische Aufarbeitung ist. Das alles wird kostenlos gemacht – die Schreibarbeiten wie auch die allmonatliche Kaffee- und Kuchenversorgung. Die Damen in der Truppe übernehmen das gerne.

Neben Waltraud Krayer ist Elfi Pach die zweite Frau im Team, doch an diesem Mittwoch nicht dabei. Dafür gibt’s eine kurze Unterbrechung beim Arbeiten, weil anlässlich des ersten Geburtstags der Initiative auch Elke Heidelbach als Leiterin des Ehrenamtsbüros mit Kerze und Blumen vorbeikommt.

Der nächste Kunde, Stazni Papas mit seinem Tonbandgerät, wird von Gerd Endrass aus Rodgau in Empfang genommen. Er könnte auch bei der Rodgauer Werkstatt mitmachen, aber der Rödermärker Mittwoch passt ihm besser, und letztlich ist es ihm egal. Er will tüfteln und basteln und damit helfen. Schließlich ist er von der Ausbildung her Informationselektroniker und arbeitet seit Langem als Elektroingenieur.

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Parallel dazu kommt ein großes 60er-Jahre-Röhren-Radiogerät auf den nächsten Tisch, mitsamt einem Kistchen voller Ersatzröhren, das von Georg Haake erst bewundert und dann auseinandergenommen wird. Ein zweites, einst sicher teureres, weil mit goldenen Zierleisten und weiterem Klimbim aufgemotztes Gerät, bringt Robert Gäbel aus Rodgau kurz danach vorbei. Außen wie innen ist es verstaubter und ungepflegter, sicher seit zahllosen Jahren in einem Keller oder Schuppen gelagert. Probiert und getüftelt wird an beiden.

Schließlich bekommt Angela Oßwald, die Besitzerin des ersten Gerätes, dessen Reparatur sich auch gegen Bezahlung mit Sicherheit lohnen würde, noch eine Frankfurter Adresse für die Begutachtung ihres Schatzes in die Hand gedrückt. Beim zweiten Gerät sind irgendwann alle Techniker-Köpfe tief über das Innenleben geneigt – die Suche sieht aber erfolglos aus.

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Echten Erfolg – und den recht schnell – hat dagegen Dieter Metz, der sich eines edlen Elektrorasierers im roten Lederetui – Reisemodell wohl aus den 60er, 70er Jahren – annimmt: „Da sind Sie bei mir richtig. Ich habe in dieser Firma sogar gearbeitet!“ Es entpuppte sich schließlich als Kleinigkeit: Der Spannungsumschalter hatte nicht eingerastet, ein kleiner Handgriff und das Modell war wieder flott.

Eigentlich ist nie richtig klar, wer wohl den meisten Spaß an dieser Initiative und ihren Erfolgen hat: die Kunden, die gegen eine Spende kostenlos so manches gute Stück repariert bekommen, oder aber die vier, fünf Männer, die sich voller Elan auf die Geräte stürzen und sich aufs Tüfteln freuen. Und wenn’s mal gar nicht klappt, dann wissen die Kunden zumindest, dass sie ihr Gerät jetzt wohl guten Gewissens wegwerfen und gegen ein neues ersetzen können.

Das nächste Mal öffnet das Werkstatt-Café heute Mittwoch, ab 16 Uhr seine Türen.

Kontakt: Engagementlotsen, 06074 911 672; waltraud.krayer@roedermark.de; elfie.pach@roedermark.de,

Quelle: op-online.de

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