„Wir brauchen mutige Frauen“

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Einmal pro Woche treffen sich fünf Tagesmütter und ihre Schützlinge zur musikalischen Früherziehung, die von Gaby Schrenk (Musikschule Rödermark) geleitet wird.

Rödermark - Tagesmütter brauchen Mut: Mut, sich auf wildfremde Kinder einzulassen, Mut, sich den Ansprüchen ihrer Eltern zu stellen, Mut, dem Kreisjugendamt Tür und Tor zu öffnen. Denn das prüft, ob sich eine Etagenwohnung oder ein Reihenhaus als private Mini-Kita eignen.  Von Michael Löw

Zwölf Rödermärker Frauen bringen derzeit diesen Mut auf. Sie betreuen - unter der Regie des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) - 29 Kinder.

Katharina Michel ist die Dienstälteste von ihnen. Vor 24 Jahren nahm sie erstmals ein Kind, dessen Eltern mit den Öffnungszeiten kommunaler oder kirchlicher Einrichtungen nicht klar kamen, bei sich zu Hause auf. 50, vielleicht sogar 60 weitere folgten, irgendwann hat Katharina Michel aufgehört zu zählen.

Sie ist weit mehr als „nur“ eine DKSB-Tagesmutter, denn sie übernimmt auch Bereitschaftsdienste für das Jugendamt. Klingt nüchtern, offenbart aber jede Menge trauriger Kinderschicksale: Prügel, Drogen, Alkohol, Vernachlässigung - wenn Familien völlig kaputt sind oder das Leben Alleinerziehender aus dem Ruder läuft, greift der Kreis ein und bringt die Kinder zu Katharina Michel.

Kind bleibt Teil der Familie, bis es volljährig ist

Eines hat sie inzwischen adoptiert, ein anderes lebt seit sechs Jahren zur Dauerpflege bei ihr. Es ist Teil der Familie, bis es volljährig ist oder selbst für sich sorgen kann.

Katharina Michel (6. von rechts) ist seit 24 Jahren Tagesmutter. Bürgermeister Roland Kern ehrte sie mit sechs weiteren langjährigen Tagesmüttern und vier Frauen, die seit 2010 in diese Aufgabe hineinwachsen.

Aber auch bei „normalen“ Tagesmütter bleibt der Kontakt weit über die Betreuungszeit hinaus bestehen. „Mein erstes Tageskind ist schon verheiratet und kommt uns auch heute noch besuchen“, erzählt Elke Hochberger, die seit 1988 dabei ist. Natürlich herrsche nicht immer eitel Sonnenschein zwischen Tagesmutter und Tageskind. Doch die Konflikte sind die selben, die bei der Erziehung der leiblichen Kinder auftauchen.

Einzig der Altersunterschied zwischen den Eltern und einigen Tagesmüttern führt hier und da zu ungewöhnlicher Schelte aus Kindermund. „Du alte Frau“, bekommt Karin Sadowski zu hören, wenn Anordnungen ihrem Schützling nicht passen.

Wichtiger Bestandteil der Planungen

Der Kinderschutzbund könnte viel mehr Tagesmütter vermitteln als er hat und wirbt deshalb um weitere Frauen mit Mumm. Mit Sibille Flisar, Marleen Roßner, Ninja Schleinkofer und Carolin Witzgall haben vier Frauen in den vergangenen 15 Monaten ihre Pflegeerlaubnis erhalten. Bürgermeister Roland Kern (AL) hieß sie bei einer kleinen Feier im Rathaus Ober-Roden willkommen: „Sie sind ein wichtiger Bestandteil unserer Planungen für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren.“ Außerdem dankte er sieben Tagesmüttern für langes Engagement: Außer Katharina Michel und Elke Hochberger durften sich Monika Delle Donne, Susanne Hasenstab-Hotz, Karin Sadowski, Marianne Utberg und Dagmar Ehrhardt über Urkunden und Rosen und einen Schluck „Alter Bürgermeister“ freuen. So hieß nämlich der Sekt, den die Stadt den Tagesmüttern spendierte.

Sie bieten Eltern nicht nur flexible und ganz auf die beruflichen Bedürfnisse zugeschnittene Betreuungszeiten, sondern sparen der öffentlichen Hand viel Geld. Die 29 Knirpse, die sie in ihrer Obhut haben, entsprechen ziemlich genau einem jener zwei Mini-Kindergarten wie sie die Stadt gerade baut. Stückpreis: rund 750.000 Euro.

Quelle: op-online.de

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