Heute ist Tag der Organspende

Rödermark: Melanie Ulbrich lebt seit 2015 mit einem Spenderherz

Dass Melanie Ulbrich wieder die Joggingschuhe schnüren kann, verdankt sie einer erfolgreichen Herztransplantation. Auch in Kletterhallen geht sie wieder.
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Rödermark: Dass Melanie Ulbrich wieder die Joggingschuhe schnüren kann, verdankt sie einer erfolgreichen Herztransplantation. Auch in Kletterhallen und Schwimmbäder geht sie wieder.

Melanie Ulbrich aus Rödermark lebt seit 2015 mit einem fremden Herzen. Heute schafft sie pro Woche schon wieder 20 Lauf-Kilometer und ist glücklich darüber. Aber sie denkt noch immer an zwei Mitpatienten, die gestorben sind, während sie auf ein Spenderorgan gewartet haben.

Rödermark – Heute ist Tag der Organspende. Seit 1983 ist 5. Juni der Tag, an dem die bewegenden Schicksale der Menschen im Blickpunkt stehen, die Organe gespendet haben oder die als Organempfänger wieder ein ziemlich normales Leben führen können.

Melanie Ulbrich aus Ober-Roden hat am 25. Juni 2015 ein Spenderherz bekommen. In die Freude über ihr persönliches Glück mischt sich selbst sechs Jahre später noch Trauer. „Ich darf leben, weil jemand anderes gestorben ist“, sagt die 48-Jährige. Sie weiß natürlich nicht, wessen Herz in ihr schlägt. Und wird es auch nie erfahren. Denn das europäische Transplantationszentrum in Leiden (Niederlande) behält die Daten aus gutem Grund für sich. Melanie Ulbrich kann sich allenfalls ein paar Details über den Menschen, dem sie ihr Leben verdankt, zusammenreimen. Es muss eine zierliche Frau wie sie gewesen sein: „Das Herz eines Zwei-Meter-Mannes hätte doch gar keinen Platz gehabt.“

Schwimmen, Radfahren, Laufen, Klettern: Sport bestimmte ihre Freizeit. 1998 oder 1999, genau kann’s Melanie Ulbrich nicht mehr sagen, lässt ihre Kondition nach. Zuerst denkt sie sich nichts Böses. Schließlich hatte sie den Sport reduziert. Doch bei einer Wanderung zur Veste Otzberg hinauf gerät sie dermaßen außer Puste, dass ihre Familie sie auffordert, sich untersuchen zu lassen.

Die Diagnose chronische Herzmuskelschwäche hat Melanie Ulbrich zu ihrer eigenen Überraschung zunächst nicht sonderlich getroffen. Wenig später wird ihr aber der erste Schrittmacher eingesetzt. Bei der Operation wird eine Elektrode abgerissen. Die stimulierenden Stromschläge kommen nicht am Herz, sondern am Zwerchfell an.

2002 folgt die nächste Stufe der Apparatemedizin: Ärzte implantieren ihr einen Defibrillator. Sie kann zu diesem Zeitpunkt keine drei Schritte mehr gehen. Vier oder fünf Defibrillatoren bekommt sie bis zur Herz-OP 2015. „Alle hatten eine ätzende Geschichte“, denkt Melanie Ulbrich mit Grausen zurück. Die Geräte verloren Kraft und mussten getauscht werden.

Und warum hat’s so lange gedauert, bis sie an ein Spenderherz dachte? Sport hat sie all die Jahre immer wieder ein Stück weit rausgerissen. Doch wahrscheinlich war sie gut im Verdrängen: „Ich habe Vieles einfach ertragen!“

Die Schul-Weihnachtsfeier 2014 ihrer heute 16 Jahre alten Tochter wird zur Zäsur. Der Defibrillator löst aus und rettet Melanie Ulbrichs Leben. Sie kommt in eine Spezialklinik nach Bad Nauheim, wo der Arzt sagt: „Ich lasse Sie nicht mehr heim!“ Von der normalen Warteliste auf ein Spenderorgan wandert ihr Name auf die Liste mit höchster Dringlichkeit. Sie verbringt Monate in der Klinik. Dreimal muss sie auf die Intensivstation. Trotzdem hat sie seltsamerweise keine Angst. Denn mit einem Ergometer, Bauchmuskeltraining und Stricken bringt die geduldige Patientin Struktur in den Tag.

Ende Juni 2015 geht dann alles sehr schnell. Eurotransplant hat ein passendes Herz für Melanie Ulbrich gefunden. Als sie Richtung OP-Saal gebracht wird, verabschiedet sie sich ohne Groll von ihrem alten Herzen: „Ich habe ihm gedankt, dass es so lange durchhielt.“

Eine Herztransplantation dauert in der Regel sechs bis sieben Stunden. Die von Melanie Ulbrich zog sich zwölf Stunden. Das Gewebe um ihr Herz herum ist durch die vielen Defibrillator-Operationen dermaßen vernarbt, dass die Ärzte Zweifel haben, ob sie das Spenderorgan überhaupt in den Brustkorb hineinbekommen. Diese Sorgen erfährt die Patientin zum Glück erst hinterher von Krankenschwestern.

So wie Melanie Ulbrich ihrem alten Herzen Lebewohl gesagt hat, begrüßt sie gleich nach dem Aufwachen das neue: „Wir zwei gehören jetzt zusammen.“ Das Spenderorgan habe sich „sofort gut und richtig angefühlt“.

Einen Tag später darf sie mit ihrem Mann telefonieren, nach drei Tagen wird sie von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt. Von da an geht’s bergauf.

Melanie Ulbrich joggt wieder – drei Mal pro Woche sieben Kilometer. Schwimmen darf sie ebenfalls wieder. Vor allem aber wirbt sie für Organspenden. Im April hatte sie einen virtuellen Benefizlauf mitorganisiert, fast 25 000 Euro kamen zusammen.

Als Kranke war Melanie Ulbrich geduldig. Als Gesunde platzt ihr der Kragen, wenn Leute der Religion wegen nach ihrem Tod keine Organe spenden wollen: „Christlich ist es doch zu sagen: Ich gebe, was anderen helfen kann.“

Denn sie hat erlebt, dass zwei ihrer Bad Nauheimer Mitpatienten – darunter ein ganz junges Mädchen – während der Wartezeit gestorben sind, weil für sie kein passendes Spenderherz gefunden werden konnte. „Ich möchte, dass weniger Familien so etwas Schreckliches durchmachen müssen“, erklärt Melanie Ulbrich. Organspende ist für sie praktizierte Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Empathie. (Michael Löw)

» organspende-info.de

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