23. Hochschultag der Nell-Breuning-Schule und der Stadt

„Die Wirtschaft ist keine Maschine“

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Gastredner beim 23. Hochschultag war Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck mit seiner „Kritik des Neoliberalismus“.

Ober-Roden - Liberalismus oder Neoliberalismus – dieser Zwiespalt stand beim 23. Rödermärker Hochschultag im Mittelpunkt der Gastrede von Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck, einem renommierten Wissenschaftler der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt sowie der Münchner Hochschule für Politik.

Seiner Kritik des Neoliberalismus, wie er etwa innenpolitisch in den USA derzeit gehandhabt wird, ging neben der Begriffserklärung eine kurze historische Grundlegung voraus. Wenn wir die Menschen gegeneinander handeln lassen, stoßen sie selbst an Grenzen – der Wettbewerb ist also die alles entscheidende Grundlage, die ein stabiles Gleichgewicht erzeugt: „Wir machen unseren Gegner erst stark, dann fällt er irgendwann – wenn die Thesen stimmen – in sich selbst zusammen“, so die Grundaussage des Referenten.

Dieser Liberalismus, der Anfang des 19. Jahrhunderts nach Deutschland kam, hatte den Markt im Mittelpunkt. Die großen Wirtschaftskrisen in den späten 20er Jahren zeigten die Fehler in der Theorie – der Boom führte in Deutschland etwa zum Zusammenbruch der Wirtschaft, was in England, dem Mutterland des John Maynard Keynes, dem Begründer einer neuen Wirtschaftsära, sich ganz anders widerspiegelte. Als Geburtsstunde des Neoliberalismus gilt schließlich Walter Lippman in Paris mit seiner „Public Opinion“ und seiner Theorie der Propaganda, was heute noch als Werbung oder PR angesagt ist: Man muss den Menschen die richtigen Gedanken und Entscheidungen vorgeben und schmackhaft machen. Die Freiheit der Wirtschaft stand damals hoch im Kurs – nicht zuletzt, um den Kommunismus zu verhindern.

„Die Neoliberalen sagen: der Verkehr braucht Regeln, eine gewisse Ordnung muss sein“ – woraus sich Ordo-(oder auch Neo-)Liberalismus ableitet.“ Vom Ölpreisanstieg in den frühen 70er Jahren über leichte Regulierungen seitens der erstarkten SPD, die Anfänge des Monetarismus und der wieder stärkere Eingriff des Staates („das war damals sexy“) bis hin zur Regulierung durch Steuern – darin liegt für Prof. Brodbeck der fundamentale Denkfehler: „Denn die Wirtschaft ist immer eingebettet in die Gesellschaft!“ Die Wirtschaft ist keine Maschine, die man nur mit passenden Zutaten füttern muss; der Mensch steht stets im Zentrum; eine gesteigerte Produktivität ist die bessere Grundlage.

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„Der Neoliberalismus hat sich inzwischen in eine Bereicherungsmaschine verwandelt, die von selbst nicht zusammenfällt. Wenn wir anfangen, etwa Spekulationsgewinne stärker zu besteuern, wird die Spekulationslust deutlich zurückgehen. Doch dazu bräuchte es jemanden, der an den Zentralbanken mitspielt.“ Eingeleitet wurde der mittlerweile 23. Hochschultag, den die Europaschule NBS wie immer in Zusammenarbeit mit der Stadt Rödermark und der Sparkasse Dieburg als Sponsor ausrichtete, von Rektorin Christine Döbert und Bürgermeister Roland Kern als Vertreter der Ausrichter, ehe der NBS-Pädagoge Prof. Dr. Philipp Wolf ins Thema einleitete.

Den musikalischen Rahmen formte traditionell die Europasong-Gruppe der Schule. Die Veranstaltung war wieder gut besucht – nicht nur von den Oberstufenschülern der Nell-Breuning-Schule, die das als Unterrichtsbausteine nutzten, sondern auch von vielen interessierten Rödermärker Bürgern. Es ist stets eine der wenigen Möglichkeiten, nicht nur hier direkt vor Ort hochrangige Wissenschaftler mit ihren An- und Einsichten erleben zu können, sondern auch die anschließende Diskussion selbst mit Rückfragen oder Beiträgen zu bereichern.

Diesmal kamen die meist kritischen Rückfragen zu heutigen Auswirkungen von Liberalismus und Neoliberalismus ausschließlich aus dem Kreis der Lehrer und Bürger – die Schüler waren nach knapp zwei Stunden intensiven Zuhörens doch erst mal etwas zurückhaltender. Wer sich nachträglich noch einmal in die Thematik einlesen möchte, sei auf die Homepage der Schule unter www.nellbreuningschule.de oder direkt auf die Homepage des Wissenschaftlers unter www.khbrodbeck.homepage.t-online.de verwiesen. Dort fassen zahlreiche kluge und ausführliche Aufsätze die Thematik „Kritik am Neuliberalismus“ anschaulich zusammen. (chz)

Quelle: op-online.de

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