Interview mit Till Andrießen

Standort mit Luft nach oben

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Von seinem neuen Büro im Rathaus blickt Wirtschaftsförderer Till Andrießen über die Dächer von Ober-Roden. Das Geschäftsleben im Ortskern könnte rühriger sein.

Rödermark - Till Andrießen trat am 1. Juli vorigen Jahres sein Amt als Wirtschaftsförderer an. Seit Januar ist das Innovationscentrum (IC) Rödermark keine eigenständige kommunale Gesellschaft mehr, sondern eine Stabsstelle, die Bürgermeister Roland Kern unterstellt ist.

Wir sprachen mit Andrießen über kurze Wege, harte Standortfaktoren und leere Schaufenster.

Ein neuer Wirtschaftsförderer hat spätestens nach sechs Monaten drei Unternehmen aus Nachbarstädten abgeworben, die mindestens 200 Jobs bieten, Gewerbesteuer in Millionenhöhe zahlen und dabei keinen Dreck machen. Oder? Spaß beiseite: Wie sieht Ihre Bilanz nach gut sechs Monaten in Rödermark aus?

Erfolgreich! Wir haben den Dialog zwischen Wirtschaft und Verwaltung intensiviert, 50 Unternehmen besucht, Bestandsunternehmen bei der Vorbereitung von Eigeninvestitionen unterstützt, gemeinsam mit und in Unternehmen die Energieeffizienz gesteigert, Leerstände reduziert, das Thema Einzelhandel adressiert und das Standortmarketing im Internet wesentlich verbessert. Zudem würdigte Bürgermeister Kern zwei Firmen mit einem Eintrag in das Goldene Buch der Stadt. Ende 2012 verzeichnet Rödermark Arbeitsplatz- und Einwohnerwachstum, die niedrigste Arbeitslosenzahl seit 2007 und gesteigerte Gewerbesteuereinnahmen. Fazit: Rödermark hat eine gute Ausgangsposition und Luft nach oben.

Der Umzug des IC vom Gewerbegebiet Ober-Roden ins Rathaus hat sich also gelohnt?

Der Umzug hat sich gelohnt, denn nun existieren ganz kurze Wege zu Bürgermeister Roland Kern und den Fachämtern.

Welche Vorteile haben Unternehmen davon?

Der Mehrwert für Unternehmen besteht in schnelleren Entscheidungswegen und größerer Flexibilität, zum Beispiel bei der verwaltungsinternen Koordinierung von Vor-Ort-Besuchen bei Unternehmen.

Der Supermarkt direkt neben dem Ober-Röder Rathaus hat schon wieder zugemacht, entlang der Hauptstraßen sieht der potenzielle Einkäufer immer wieder leere Schaufenster. Hat der „kleine“ Einzelhandel in mittleren Städten überhaupt noch eine Chance?

Der Wettbewerb im Einzelhandel ist hart, aber nicht chancenlos und die Einflussfaktoren sind komplex. Wichtig sind zum Beispiel Profilbildung, Kundenservice, Nutzen aller Vertriebs- und Marketingkanäle (Schaufenster, Internet, etc.) und Ladengestaltung.

Kann die Stadt helfen? Oder müssen die Immobilienbesitzer mehr tun?

Die Stadt unterstützt durch einen runden Tisch, und die Wirtschaftsförderung wird sich 2013 weiter aktiv einbringen, insbesondere im Rahmen der Leitprojekte. Gefordert sind aber alle Akteure! Händler, Stadt, Kunden und auch die Immobilieneigentümer, die für wettbewerbsfähige und attraktive Flächen sorgen müssen, die aktuellen Anforderungen entsprechen.

Gibt’s in absehbarer Zeit denn neue Geschäfte?

In beiden Ortskernen ist Dynamik. So wird es in Ober-Roden Neuzugänge aus der Lebensmittel- und Gastronomiebranche und in Urberach aus der Gesundheitsbranche geben, die zusätzliche Frequenz und Attraktivität erzeugen werden.

Wie weit sind Sie mit Ihrem im Herbst angekündigten Leerstands-Kataster für größere Gewerbeflächen?

Mitten in der Arbeit. In der Leerstands- und Brachendatenbank werden Flächen, Hallen, Büros und Einzelhandelsläden erfasst und mit bestehenden Informationssystemen aus der Bauverwaltung und unserem Gewerbe-Immobilienportal verknüpft.

Was braucht Rödermark mehr: Zusätzliche Industriegrundstücke? Schnelleres Internet? Oder muss die Stadt ihre „weichen Standortfaktoren“ wie Kindergärten oder Kultur weiter ausbauen?

Rödermark braucht sowohl harte als auch weiche Standortfaktoren, um im Wettbewerb der Standorte erfolgreich zu sein. Das Eine geht nicht ohne das Andere.

Was halten Sie vom Vorschlag des Kämmerers Alexander Sturm, dass Frankfurt einen Teil seiner Gewerbesteuer an jene Kommunen überweist, in denen die Mitarbeiter großer Unternehmen wohnen und hohe Kosten für die Kinderbetreuung verursachen?

Das wäre für unseren städtischen Haushalt zu begrüßen. Ich rechne jedoch mit leichtem Gegenwind aus Frankfurt! Spaß beiseite. Sogar der Deutsche Industrie- und Handelskammertag plädiert für eine Reform der Gewerbesteuer. Vielleicht kommt alsbald Bewegung in diese Diskussion.

Quelle: op-online.de

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