Mit Würfeln Deutsch lernen

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Integrationsbeauftragte Ulrike Vierheller spielt mit Mohammed aus Somalia und mit Tariko Abebe aus Eritrea.

Urberach - Babylonisches Sprachgewirr herrscht einmal die Woche vormittags im „Schiller-Haus“. Flüchtlinge, überwiegend aus Ostafrika, lernen mittwochs ihre ersten Worte in Deutsch und sich gegenseitig kennen. Von Christine Ziesecke 

„Willkommenskultur“ nennt Rödermarks Integrationsbeauftragte Ulrike Vierheller diesen ersten Anlaufpunkt für Menschen mit wenig Deutschkenntnissen. Frauen, für die diese Sprache selbst lange fremd war, sind ihre Lehrerinnen. Leiterin ist Eltern- und Integrationslotsin Tülay Kuzkaya, die von zwei angehenden Elternlotsinnen und Sprachlotsin Najieh Norozi begleitet wird. Professionell unterstützt werden sie von Montserrat Mojica, einer Caritas-Sozialarbeiterin aus Spanien.

Im „Schiller-Haus“ lernen derzeit fünf junge Männer und eine Frau verschiedener Nationen, weitere Flüchtlinge klommen sicher dazu. Zuletzt war"s die Vorstellung, um die sich das Sprechenlernen drehte: „Ich heiße...“ kam vielen recht leicht über die Lippen. Komplizierter ist die korrekte Anrede des Gegenübers: „In der Runde sagen alle ‚du’, aber im Laden sagen wir ‚Sie’“, sagt eine der Lotsinnen. „Das ist wegen dem Respekt“, ergänzt Tariko Abebe, der vor vier Monaten aus Eritrea gekommen ist. Die Unterhaltung ist schwierig, aber zugleich skurril und lustig. Ein paar Brocken Englisch fliegen durch den Raum, dazu kommen Begriffe aus den Heimatsprachen und einfache Wörter in Deutsch. Allein in Eritrea gibt es neun Landessprachen.

Nächste Schwierigkeit: „Was kochst du?“ Das Nachdenken wird länger, die eritreischen Gerichte sind für die deutschsprachigen Teilnehmer fast unaussprechlich oder unbekannt: „Doro wat - was ist das?“ Rasch wird ein Handy gezückt und ein Foto präsentiert: ein dünnes Fladenbrot, das mit Hühnchenfleisch belegt wird. Msgena (28) hat eine Idee: „Nächstes Mal bringe ich mit und zeige...“ Trotz oder gerade wegen dieser Holpereien wird viel gelacht; die Männer helfen sich untereinander, jeder weiß irgend ein Wort, zusammen klappt es.

Dann wird das Arbeitsmaterial gewechselt. Zu den Bildtäfelchen auf dem Tisch und den handgemalten Nationalflaggen kommen Würfel. Reihum wird gewürfelt und die Zahl der Punkte dabei gelernt – drei, sechs, eins. In der zweiten Runde wird’s schwieriger, denn zwei Würfel dienen als Symbol für Zehner und Einer. Für junge Ausländer nach wenigen Wochen Deutschland ist das eine echte Herausforderung: fünfunddreißig oder dreiundfünfzig. Im Deutschen steht die Einerzahl vorne, im Englischen die Zehnerzahl: fifty-three. Die Flüchtlinge sind sehr bemüht und hängen buchstäblich am Mund von Tülay Kuzkaya und Ulrike Vierheller.

Lampedusa: Flüchtlingselend in Italien

Lampedusa: Flüchtlingselend in Italien

Und immer dreht sich das Gespräch um den schwierigen, oft gefährlichen Weg aus der alten Heimat ins vermeintlich sichere Deutschland. Kubrom (24) aus Eritrea ist erst seit etwa einem Monat hier. Er kam mit dem Schiff nach Italien. Solange er sich schlecht ausdrücken kann, kann man nur erahnen, was er an Strapazen hinter sich hat. Vielleicht saß er ja auch in einem der überfüllten Boote, die es mit Müh" und Not bis zur Insel Lampedusa schafften...

Kubrom, sein Landsmann Mosazghi (34) und Mohammed aus Somalia wohnen zunächst in der Kreuzgasse - wie lange, ist offen. Im ehemaligen „City-Hotel“ lebt dagegen Msgena. Vor drei Monaten kam er mit seiner schwangeren Frau nach Urberach, das Baby kam in Offenbach zur Welt. Er ist aus Eritrea geflohen aus politischen Gründen, wie er quer durch alle Sprachen heraussprudelt. Es sei dort kein Leben, Misshandlungen und mehr. Aber jetzt hat sein Kind noch keine Papiere, und Msgena weiß noch nicht, wie es weiter geht. Alles ist sehr schwierig. Im „Schiller-Haus“ erhofft er sich Hilfe, um seine Probleme in den Griff zu kriegen.

Quelle: op-online.de

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